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Gladio

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Gladio (ital. "Kurzschwert"; von lat. Gladius[wp]) war der Deckname für eine geheime paramilitärische Organisation in Italien, die dort nach einer Invasion von Truppen des Warschauer Paktes[wp] Guerilla[wp]-Operationen und Sabotage[wp] gegen die Invasoren durchführen sollte.

Die Organisation wurde entdeckt, als im Juli 1990 der italienische Untersuchungs­richter Felice Casson[wp] im Rahmen seiner Untersuchungen von Terror­anschlägen im Archiv des Geheimdienstes SISMI[wp] Dokumente fand, die auf eine geheime Organisation namens Gladio hinwiesen. Im August 1990 informierte Premierminister Giulio Andreotti[wp] die Öffentlichkeit erstmals über die Existenz einer solchen Organisation, die bei einem gegnerischen Einmarsch und Besetzung des Landes aktiv geworden wäre.

In der Öffentlichkeit wurde Gladio-Netzwerk zu einem politischem Schlagwort, das als Synonym für eine Vielzahl an ähnlichen Stay-behind-Organisationen[wp] in anderen Staaten Westeuropas steht, die infolge der Aufdeckung von Gladio in Italien bekannt wurden.

So betonte beispielsweise der italienische Parlamentarier Enrico Falqui[wp] (Grüne) in der Sonderdebatte des Europäischen Parlaments[wp] (EP):

Zitat:

«Dieses Europa wird keine Zukunft haben, wenn es nicht auf der Wahrheit und der vollständigen Transparenz seiner Institutionen aufgebaut wird. Daher müssen wir wissen, welche und wie viele Gladio-Netzwerke es in den Mitglied­staaten der EU gibt.»

Auch in Nicht-NATO-Staaten wie Schweden und Schweiz gab es diese geheimen NATO-Strukturen. Da diese Strukturen geheim sind und keiner parlamentarischen Kontrolle unterliegen, kann über ihren Fortbestand oder ihre Auflösung nur gemutmaßt werden. Gladio gilt inzwischen als klassisches Beispiel für den "dualen Staat".



Gladio (ital. "Gladius"[wp]),[1] eigentlich Stay-behind-Organisation[wp], war eine para­militärische Geheim­organisation[wp] der NATO[wp], der CIA und des britischen MI6[wp] während des Kalten Krieges[wp]. Die Gladio-Mitglieder sollten nach einer Invasion der Warschauer-Pakt[wp]-Truppen als Aufklärer, Waffen­beschaffer und Saboteure hinter den feindlichen Linien eingesetzt werden. Die Organisation existierte von etwa 1950 bis mindestens 1990 und arbeitete in Westeuropa, in Griechenland[wp] und in der Türkei[wp]. Sie wird mit Terrorakten und Morden in mehreren europäischen Ländern in Verbindung gebracht, die meist von Rechts­extremisten verübt wurden, insbesondere mit der so genannten Strategie der Spannung[wp] in Italien.[2][3] Die Europäische Union[wp] verurteilte 1990 das Vorgehen der beteiligten Geheimdienste und forderte die Mitglieds­staaten zur Aufklärung auf.[4] In Belgien, Italien und dem Nicht-EU-Land Schweiz wurden parlamentarische Untersuchungs­kommissionen dazu eingesetzt.

"Gladio" war ursprünglich nur der Deckname[wp] des italienischen Zweigs dieses europäischen Stay-Behind-Netzwerks. Der Begriff entwickelte sich jedoch nach der Aufdeckung 1990 zu einer Sammel­bezeichnung für das gesamte Netzwerk bzw. alle nationalen Teil­organisationen, obwohl diese je nach Land unterschiedliche Decknamen hatten[5] und von den jeweiligen nationalen Geheimdiensten geführt wurden. Die NATO lehnte nach der Aufdeckung der Organisation jegliche Stellungnahme ab und verwies darauf, dass man sich grundsätzlich nicht zu "geheimen militärischen An­gelegen­heiten"[wp] äußern würde.[6] Das amerikanische Außen­ministerium[wp] bestätigte 2006 in einer Presse­mitteilung indirekt die Involvierung der CIA, bestritt jedoch[wp] deren mögliche Verstrickung in terroristische Aktivitäten als eine auf gefälschten sowjetischen Dokumenten basierende Fehl­information.[7]

Abzeichen des italienischen Gladio-Zweigs; der lateinische Schriftzug lautet übersetzt: "Durch Schweigen bewahre ich die Freiheit"

Geschichtliches und politisches Umfeld

Gründung und Ziele

Ab Anfang der 1950er Jahre wurden besonders in Italien, aber auch in fast allen anderen west­europäischen Ländern Agenten[wp] ausgebildet, die im Fall einer Besetzung des jeweiligen Landes durch Truppen des Warschauer Pakts[wp] Guerilla­operationen und Sabotage durch­führen sollten (so genannte Stay-behind-Operationen). Zu diesem Zweck wurden europaweit geheime, illegale Waffendepots angelegt. Als Vorbild diente das Special Operations Executive[wp], eine britische Spezialeinheit, die während des Zweiten Weltkrieges selbst verdeckte Operationen hinter feindlichen Linien ausführte und Widerstands­gruppen wie die Résistance[wp] unterstützte und ausbildete. Die Mitglieder der so gebildeten Geheimarmeen rekrutierten sich unter anderem aus militärischen Spezial­einheiten[wp], Geheimdienst­kreisen[wp] und Rechts­extremisten, letztere teilweise mit kriminellem Hintergrund. Die Konzentration auf politisch rechte[wp] bis rechtsextrem eingestellte Personen bei der Rekrutierung ist für mehrere Länder belegt.[8] In der Bundesrepublik Deutschland[wp] kooperierten die US-amerikanischen Geheimdienste vor allem in den ersten Jahren mit Personen mit national­sozialistischem Hintergrund, wobei bevorzugt ehemalige Mitarbeiter des Sicherheitsdienst des Reichsführers-SS[wp] und der SS[wp] rekrutiert wurden.[9] Laut dem ehemaligen deutschen Gladio-Agenten­führer Norbert Juretzko[wp] sollte diese Selektion die notwendige streng anti­kommunistische[wp] Ausrichtung der Organisation sicher­stellen, die man durch Rechtsextreme oder Ultra­konservative als am ehesten gewährleistet ansah.[10]

Höchste Geheimhaltungsstufe

Die Existenz der Untergrund-Armeen wurde vor der Bevölkerung und den Parlamenten geheim gehalten und war in den einzelnen Ländern jeweils nur einem kleinen Kreis von Regierungs­mitgliedern bekannt. In den einzelnen Ländern wurde die Anwerbung und Führung der Agenten meist von Unter­abteilungen der jeweiligen nationalen Geheimdienste übernommen, in der Bundesrepublik Deutschland von einer eigenen Dienststelle des Bundes­nachrichten­dienstes. Die militärische Befehlsgewalt[wp] hatten die geheimen Kommando­stellen Allied Clandestine Committee[wp] und Clandestine Planning Committee[wp] im NATO-Hauptquartier[wp] SHAPE[wp] im belgischen Mons[wp].[11]

Herkunft des Namens Gladio als Gesamtbezeichnung

Als erste der bei der NATO intern stay behind genannten Geheimarmeen wurde 1990 der italienische Zweig mit dem Codenamen Gladio aufgedeckt. Der Begriff entwickelte sich in Folge zu einer Bezeichnung für alle europäischen Geheimarmeen, obwohl diese unter unterschiedlichen Decknamen agierten, zum Beispiel SDRA8 in Belgien, BDJ-TD[wp] in Deutschland, Red Sheepskin in Griechenland, Absalon in Dänemark, O bzw. I in den Niederlanden und Counter-Guerilla in der Türkei.[5]

Auflösung

Die Einheiten wurden in mehreren Ländern nach Bekanntwerden der Operation und dem Zerfall der Sowjetunion[wp] 1990 offiziell aufgelöst, etwa in Italien und Frankreich. Die geheimen Waffendepots der deutschen Geheimarmee waren nach Angaben des deutschen Kanzleramts­ministers Lutz Stavenhagen[wp] bereits 1972 aufgelöst und die darin befindlichen Pistolen zerstört worden. Ab diesem Zeitpunkt habe sich die deutsche Geheimarmee nur noch mit dem Funkkommunikations- und Evakuierungs­training befasst. Angesichts von Funden großer Mengen an Kriegswaffen in illegalen unter­irdischen Verstecken nach diesem Zeitpunkt, unter anderem im Fall Lembke 1981 (siehe unten), wurden diese Angaben jedoch von dem Schweizer Historiker Daniele Ganser angezweifelt.[12][13] Im Dezember 1990 gab die Bundesregierung in einer Presse­mitteilung bekannt, dass der deutsche Zweig im April 1991 vollständig aufgelöst werden solle.[12]

Vergleichbare Strukturen in der DDR

In ihrem Buch Terrorismus-Lügen. Wie die Stasi[wp] im Untergrund agierte[14] spricht Regine Igel[wp] - wie italienische Zeit­historiker - von einer "Gladio-Ost" in der DDR[wp]. Im Kalten Krieg hätten beide Seiten, der Osten wie der Westen, sich über die Benutzung des Terrorismus und para­militärischer Einheiten bekämpft. Der offizielle Name für diese Einheiten war im Osten Arbeitsgruppe des Ministers Aufgabenbereich "S"[wp] (AGM/S). Ausführlich hat dazu schon Thomas Auerbach[wp] geforscht und seine Ergebnisse 1999 in dem Buch Einsatz­kommandos an der unbekannten Front[15] veröffentlicht.

Struktur

Die Stay-behind-Offiziere trainierten zusammen mit den US-amerikanischen Special Forces[wp] und dem britischen Special Air Service[wp][16], etwa auf einem geheimen Militär­stützpunkt bei Capo Marrargiu[wp] auf Sardinien[wp]. Im Umfeld der Mitglieder der Geheimarmeen gab es einen Kreis von zivilen Unterstützern, die erst im Ernstfall des Einmarschs von sowjetischen Truppen aktiviert werden sollten. Die Einheiten wurden über CIA und MI6 unter anderem mit Maschinen­gewehren, Sprengstoff, Munition und Funkgeräten ausgestattet. Diese wurden in geheimen Waffenlagern versteckt, die sich in Erdverstecken, vor allem in Waldgebieten, oder in unter­irdischen Bunkern befanden.[16]

Der ehemalige deutsche BND-Agent Norbert Juretzko[wp] war als Anwerber für Unterstützer in Deutschland tätig. Seinen Angaben nach[10] rekrutierte er diese unter normalen, jedoch strikt konservativ oder politisch rechts eingestellten Bürgern, die eine Funk­ausbildung sowie ein militärisches Funkgerät erhielten und im Ernstfall vor allem Kommunikations­aufgaben übernehmen sollten.

Da weder die beteiligten Geheimdienste noch die NATO Dokumente über die Stay-behind-Netzwerke veröffentlicht haben, existieren über die Zahl der beteiligten Personen nur wenige Angaben. So gab der ehemalige SS[wp]-Mann Hans Otto im Jahr 1952 an, dass die deutsche Stay-behind-Einheit BDJ-TD aus etwa 100 Personen bestand, die überwiegend ehemalige SS- und Wehrmachts­angehörige waren.[17]

Terror als politisches Instrument

Emblem der linksextremen Untergrund­organisation Rote Brigaden, die unter anderem mit einem gefälschten Sprengstoff-Gutachten für den Terroranschlag von Peteano verantwortlich gemacht wurden. Dieser wurde tatsächlich von den Neofaschisten Vincenzo Vinciguerra und Carlo Cicuttini begangen.
1984 untersuchte der venezianische[wp] Untersuchungs­richter Felice Casson[wp] ein bis dahin ungeklärtes Bombenattentat aus dem Jahr 1972. Fünf Carabinieri[wp] (eine italienische Polizei­einheit) hatten damals einen nahe der Ortschaft Peteano[wp] an einer Landstraße abgestellten Fiat 500[wp] untersucht. Als sie den Kofferraum öffneten, wurden drei der Männer durch eine dadurch ausgelöste Bombe getötet. Als Urheber des Anschlags war die linksextreme Terror­organisation Rote Brigaden[wp] benannt worden, die Täter wurden jedoch nie ermittelt. Casson fand zahlreiche auffällige Unstimmigkeiten in den früheren Untersuchungs­ergebnissen, die auf gezielte Manipulation und Beweis­fälschung deuteten. Schließlich führten ihn seine Ermittlungen auf die Spur des eigentlichen Täters, des Rechts­extremisten Vincenzo Vinciguerra[wp], der ein umfangreiches, folgenreiches Geständnis ablegte.[18]
Das Symbol der neo­faschist­ischen Organisation Ordine Nuovo, deren Mitglied Vinciguerra war.
Vinciguerra sagte aus, dass er von Personen aus dem Staatsapparat gedeckt worden sei und dass das Attentat Teil einer umfassenden Strategie gewesen sei, die Casson später als Strategie der Spannung[wp] bezeichnete. Casson ermittelte daraufhin weiter und deckte nach Recherchen in den Archiven des Militär­geheim­dienstes SISMI[wp] 1990 die Existenz einer geheimen komplexen Struktur innerhalb des italienischen Staates auf.[18] Er fand heraus, dass Mitarbeiter des SISMI und dessen Vorgängers SID[wp], zudem Neofaschisten[wp] und Teile des Gladio-Netzwerks von den 1960ern bis in die 1980er Jahre zahlreiche politisch motivierte Terroranschläge und Morde in Italien begangen hatten. Dabei hatte ein informelles Netzwerk von Personen in staatlichen Stellen durch Verbreitung von Falsch­informationen und Fälschung von Beweisen dafür gesorgt, dass die Verbrechen linksextremen Terroristen zugeordnet wurden, vor allem den Roten Brigaden.[17][18][19] Die Vorgehensweise zielte darauf ab, die öffentliche Meinung zu Ungunsten der traditionell starken italienischen Kommunistischen Partei[wp] (KPI[wp]) zu beeinflussen. Auf diese Weise sollte deren Beteiligung an einer Regierung und eine deswegen befürchtete "kommunistische Unterwanderung" der NATO verhindert werden.[17][18] Eine zentrale Rolle spielte dabei auch die wilde Loge[wp] Propaganda Due[wp] unter Licio Gelli[wp]. Vinciguerra sagte 1990 zum Guardian[wp]:

Zitat:

«Der Weg des Terrors wurde von getarnt agierenden Personen verfolgt, die zum Sicherheits­apparat gehörten, oder die durch Weisung oder Zusammenarbeit mit dem Staatsapparat verbunden waren. Jede einzelne der Gewalttaten nach 1969 passte genau in ein einheitliches, organisiertes Schema ... Die Avanguardia Nazionale[wp] wurde ebenso wie der Ordine Nuovo[wp] [Anm.: neofaschistische Organisationen] für einen Kampf mobilisiert, der Teil einer anti­kommunistischen Strategie war. Diese entstammte nicht etwa staatsfernen Institutionen, sondern dem Staatsapparat selbst, genauer dem Bereich der Verbindungen des Staats zur NATO.»

Die Untersuchungskommission Terrorismus und Massaker (1994-2000) des italienischen Senats stellte fest:

Zitat:

«Diese Massaker wurden organisiert oder unterstützt von Personen in Institutionen des italienischen Staates und von Männern, die mit dem amerikanischen Geheimdienst in Verbindung standen.»

Der italienische Ministerpräsident Giulio Andreotti[wp] gab im Rahmen der nachfolgenden parlamentarischen Unter­suchung an, dass Gladio auch in zahlreichen anderen europäischen Ländern existiere, was einen europaweiten politischen Skandal auslöste. Dies führte zu parlamentarischen Anfragen in mehreren Ländern. In Italien, Belgien und der Schweiz kam es zu Unter­suchungs­kommissionen[wp].

Unabhängige Untersuchungen und Quellen

Der Schweizer Historiker Daniele Ganser legte 2005 die erste umfassende Studie zu Gladio vor.

Die bisher einzige länder­über­greifende, unabhängige Untersuchung zu Gladio war ein Forschungs­projekt an der ETH Zürich[wp]. Der Historiker Daniele Ganser schrieb über die Ergebnisse:

Zitat:

«Die Stay-behind-Armeen waren dem Volk, dem Parlament und den meisten Regierungs­mitgliedern unbekannt und bildeten in ganz Westeuropa ein unsichtbares, koordiniertes, geheimes Sicherheits­netz. In einigen Ländern, aber nicht in allen, mutierten die Sicherheits­netze jedoch auch zu Terrorzellen. [...] Washington, London und der italienische militärische Geheimdienst[wp] befürchteten, dass der Einzug der Kommunisten in die [italienische] Regierung die Nato von innen heraus schwächen könnte. Um dies zu verhindern, wurde das Volk manipuliert: Rechtsextreme Terroristen führten Anschläge aus, diese wurden durch gefälschte Spuren dem politischen Gegner angelastet[wp], worauf das Volk selber nach mehr Polizei, weniger Freiheits­rechten[wp] und mehr Überwachung[wp] durch die Nachrichten­dienste[wp] verlangte.»

Auf der Webseite des Forschungs­projekts sind eine Vielzahl von Dokumenten im Original einsehbar, darunter die Berichte der staatlichen Unter­suchungs­kommissionen in Italien, Belgien und der Schweiz. Die Forschungs­ergebnisse flossen in das ursprünglich im Jahr 2005 auf Englisch erschienene Buch NATO-Geheimarmeen in Europa: Inszenierter Terror und verdeckte Kriegsführung ein[20], das als einzige umfassende schriftliche Dokumentation zu Gladio gelten kann und mittlerweile (2008) in zehn Sprachen erschienen ist. Eine Kurzversion der Ergebnisse findet sich in dem Artikel Nato-Geheimarmeen und ihr Terror der Schweizer Tageszeitung Der Bund[wp][17], eine ausführlichere Darstellung liefert der 28-seitige Artikel Terrorism in Western Europe: An Approach to NATO's Secret Stay-Behind Armies aus der Zeitschrift The Whitehead Journal of Diplomacy and International Relations.[21]

Die Veröffentlichung der Forschungs­ergebnisse im Jahr 2004 war Anlass für zahlreiche Presseartikel, unter anderem in der Neuen Zürcher Zeitung[wp] (NZZ) und im Spiegel[wp].

Die Journalistin Regine Igel[wp] hat für ihr Buch Terrorjahre. Die dunkle Seite der CIA in Italien italienische Justizakten gesichtet und Interviews mit Richtern und Staatsanwälten geführt. Es gilt als fundierteste deutsch­sprachige Publikation zur Strategie der Spannung in Italien.[22]

Eine dreiteilige Fernsehdokumentation der BBC[wp] von 1992 (siehe unten) ist eine der umfangreichsten öffentlich zugänglichen Quellen für Informationen und Zeugen­aussagen zu Gladio. Video-Mitschnitte der Sendungen sind auch im Internet verfügbar.

Verurteilung durch das Europäische Parlament

Entschließung des Europäischen Parlaments 1990: Forderung nach Aufklärung der Terror­tätigkeit von Gladio und Protestnote gegen die NATO

Das Europäische Parlament[wp] (EP) drückte nach einer Sonder­debatte am 22. November 1990 seinen "entschiedenen Protest" gegenüber der NATO und den beteiligten Geheim­diensten aus. Während die nationalen Regierungen der europäischen Länder sich überwiegend sehr zurückhaltend verhielten, war der Wortlaut der Entschließung ungewöhnlich direkt.[4] Das EP ging dabei davon aus, dass die Aktivitäten von der Exekutive ausgingen und keiner parlamentarischen Kontrolle[wp] unterlagen, die Legislativen der betroffenen Staaten also nicht involviert waren.[23]

Der italienische Parlamentarier Enrico Falqui[wp] (Grüne) betonte in der Sonderdebatte des EP:

Zitat:

«Dieses Europa wird keine Zukunft haben, wenn es nicht auf der Wahrheit und der vollständigen Transparenz seiner Institutionen aufgebaut wird. Daher müssen wir wissen, welche und wie viele Gladio-Netzwerke es in den Mitglied­staaten der EU gibt.»

Die Forderungen des EP nach der Einsetzung staatlicher Untersuchungs­ausschüsse wurden in der großen Mehrzahl der EU-Länder nicht umgesetzt, mit Ausnahme von Belgien und Italien sowie dem Nicht-EU-Mitglied Schweiz.

Gladio-Operationen in den verschiedenen Staaten

Italien

Gebäude der Landwirtschafts­bank an der Piazza Fontana in Mailand. Für das Bombenattentat auf die Bank 1968 mit 17 Toten wurde lange Zeit die extreme Linke verantwortlich gemacht. Später stellte sich heraus, dass die eigentlichen Täter Rechtsextremisten waren.
Zerstörter Hauptbahnhof von Bologna nach dem Bombenanschlag 1980, bei dem 85 Menschen starben.

Hauptartikel in Wikipedia: Strategie der Spannung (Italien)

In Italien wurde Gladio zwecks Verhinderung einer Regierungs­teilnahme der Kommunistischen Partei Italiens[wp] aktiv, die zeitweilig die stärkste Partei im italienischen Parlament[wp] war.

Mitglieder des italienischen Militärgeheimdienstes SISMI[wp], Neofaschisten[wp] und Teile des Gladio-Netzwerks waren Urheber zahlreicher Terroranschläge, die zwischen 1969 und 1985 verübt wurden. Behörden betrieben die Diffamierung links­radikaler Personen und Gruppierungen als Verantwortliche für die Taten, indem Beweismittel gefälscht wurden. Durch die Empörung der Öffentlichkeit über die Anschläge sollte die in Italien traditionell starke Kommunistische Partei geschwächt werden. Dies stellte den Höhepunkt einer bereits in den 1950er Jahren mit der verdeckten Operation[wp] Demagnetize[wp] der CIA begonnenen Strategie dar. In diesem Zusammenhang ist auch die in Gerichts­verfahren festgestellte Verbindung zu der Geheimloge Propaganda Due[wp] (P2) relevant. Das 1990 wegen Mordes an drei Carabinieri[wp] verurteilte Gladio- und Ordine Nuovo[wp]-Mitglied Vincenzo Vinciguerra[wp] erklärte zu den Hintergründen der Verbrechen:

Zitat:

«Man musste Zivilisten angreifen, Männer, Frauen, Kinder, unschuldige Menschen, unbekannte Menschen, die weit weg vom politischen Spiel waren. Der Grund dafür war einfach. Die Anschläge sollten das italienische Volk dazu bringen, den Staat um größere Sicherheit zu bitten. [...] Diese politische Logik liegt all den Massakern und Terror­anschlägen zu Grunde, welche ohne richterliches Urteil bleiben, weil der Staat sich ja nicht selber verurteilen kann.»

Vier Bombenexplosionen in Mailand und Rom, bei denen allein an der Piazza Fontana in Mailand[wp] 17 Menschen getötet und 88 verletzt wurden, standen im Dezember 1969 am Anfang einer Serie von Anschlägen, die im August 1980 ihren Höhepunkt erreichte:[18] Der Bombenanschlag auf den Hauptbahnhof von Bologna[wp] forderte 85 Tote und 200 Verletzte. Die rechts­extremistischen Nuclei Armati Rivoluzionari-Mitglieder Valerio Fioravanti und Francesca Mambro wurden 1995 für diese Tat vor Gericht gestellt und verurteilt.[19] Im gleichen Prozess wurden der Propaganda Due-Gründer Licio Gelli[wp] und zwei Mitarbeiter des Militär­geheim­dienstes SISMI wegen Behinderung der Ermittlungen zu langjährigen Haftstrafen verurteilt. Der Rechtsextremist Stefano Delle Chiaie[wp] wurde wegen Mittäterschaft verurteilt, aber später in der Berufung freigesprochen. Seit Juli 2011 läuft gegen die ehemaligen deutschen Terroristen Thomas Kram und Margot Fröhlich bei der Staats­anwaltschaft in Bologna ein Ermittlungs­verfahren. Die Zusammenarbeit beider mit Carlos ist in Stasi-Akten belegt. (s. hierzu ausführlicher: Regine Igel, Terrorismus-Lügen. Wie die Stasi im Untergrund agierte (Herbig 2012))

Nach der Verhaftung von Rodolfo Almirón[wp], einem ehemaligen Mitglied der Alianza Anticomunista Argentina[wp] im Jahr 2006 gab der spanische Anwalt José Angel Pérez Nievas bekannt, dass es "wahrscheinlich [ist], dass Almirón - zusammen mit Stefano Delle Chiaie und Augusto Canchi - am Attentat auf den Bahnhof von Bologna 1980 beteiligt war."[24] Dies deutet auf einen Zusammenhang.[25] zwischen der Strategie der Spannung in Italien und dem südamerikanischen Schmutzigen Krieg[wp] (in Argentinien euphemistisch[wp] während der argentinischen Militär­diktatur[wp] (1976-1983) als Prozess der Nationalen Reorganisation bezeichnet) hin, die sich deutlicher und in ähnlicher Konstellation auch bei Anschlägen in Spanien zeigte (siehe unten).

Deutschland

Bund Deutscher Jugend

Rund 40 als "unzuverlässig" bzw. nicht zuverlässig anti­kommunistisch eingestufte deutsche Politiker wie Herbert Wehner, meist aus der SPD, sollten im Fall einer sowjetischen Invasion von der deutschen Stay-Behind-Gruppe getötet werden.

Hauptartikel in Wikipedia: Bund Deutscher Jugend

1952 wurde in Westdeutschland[wp] eine Organisation aufgedeckt, die Daniele Ganser als frühe Form des deutschen Gladio-Zweigs ansieht.[21] Der ehemalige SS[wp]-Hauptsturmführer Hans Otto wollte aus der rechts­gerichteten Organisation Bund Deutscher Jugend (BDJ) aussteigen und sagte im September 1952 vor der Kriminal­polizei aus. Er gab an, dass eine Unter­organisation des BDJ, der so genannte Technische Dienst (TD), Waffenlager angelegt und für den Fall einer sowjetischen Invasion Guerilla­techniken[wp] trainiert habe. Viele der Angehörigen des BDJ waren Veteranen der Wehrmacht[wp] und der Waffen-SS[wp]. Der TD wurde laut Ottos Aussagen maßgeblich von der CIA finanziert.[21] Bei einer durch örtliche deutsche Polizei­einheiten in den Räumlichkeiten des BDJ durchgeführten Razzia wurde öffentlich, dass die USA die Organisation mit einer monatlichen Summe von 50.000 DM[wp] finanziert sowie mit Waffen, Munition und Sprengstoff beliefert hatten. Im Odenwald[wp] fand man ein Waffenlager mit Maschinen­gewehren, Granaten, leichten Artillerie­geschützen und Sprengstoff.[12] Die Auswertung der beschlagnahmten Unterlagen förderte zudem eine Attentats­liste mit 40 deutschen Führungs­persönlich­keiten, hauptsächlich Politiker der SPD, zutage, welche man als nicht zuverlässig antikommunistisch eingestuft hatte. Darunter befanden sich zahlreiche prominente SPD-Mitglieder, so etwa der damalige Parteichef Erich Ollenhauer[wp], Herbert Wehner[wp], der hessische Innenminister Heinrich Zinnkann[wp] und die Bürgermeister von Hamburg und Bremen.[26][27] Um im Ernstfall eine möglichst effiziente Ausführung der Attentate zu ermöglichen, hatte der BDJ bereits Mitglieder in die SPD geschleust.[26] Mehrere BDJ-Mitglieder wurden festgenommen.

Die Frankfurter Oberstaatsanwaltschaft gab den Fall "BDJ-Partisanen" an die Bundes­anwalt­schaft[wp] in Karlsruhe ab. Nachdem ihm eine "maßgebliche amtliche deutsche Stelle" mitgeteilt hatte, dass eine weitere Inhaftierung "nicht notwendig erscheint", setzte Oberbundesanwalt Carl Wiechmann[wp] die von der hessischen Kripo Verhafteten schon am 1. Oktober wieder auf freien Fuß. Eine Benachrichtigung der hessischen Polizei und des Bundes­justiz­ministeriums unterblieb, was zu erheblichen politischen Irritationen führte.[21][27] Der hessische Ministerpräsident Georg August Zinn[wp] (SPD) meinte dazu:

Zitat:

«Die einzige rechtliche Erklärung für diese Entlassungen kann für uns nur sein, daß die Leute in Karlsruhe [Anm.: Gemeint ist der Generalbundesanwalt] erklärt haben, daß sie im amerikanischen Auftrag tätig waren.»

Wer in der Bundesanwaltschaft die Weisung zur Freilassung der Verhafteten gegeben hatte, konnte nie geklärt werden.[27]

Die Amerikaner gaben einen Tag später, am 2. Oktober 1952, erstmals zu, den Technischen Dienst des BDJ ursprünglich aufgebaut und finanziert zu haben. Allerdings seien diese Aktivitäten ein halbes Jahr zuvor eingestellt worden, und von einem Fortbestehen der Organisation habe man nichts gewusst. Zur Untersuchung der Vorgänge wurde eine deutsch-amerikanische Unter­suchungs­kommission gebildet, die aber durch offensichtliches Desinteresse der amerikanischen Seite an einer echten Aufklärung schon im November wieder eingestellt wurde. Als offizielles Ergebnis wurde festgestellt, dass die USA keine Kenntnis von den illegalen Tätigkeiten des Technischen Dienstes hatten.[27][28]

Im Juni 2006 freigegebene CIA-Dokumente

Neben dem Technischen Dienst des BDJ existierten weitere Stay-behind-Netze. Eines wurde von den früheren Wehrmachts­angehörigen Heinrich Hoffmann und Hans Rues geleitet, ein weiteres mit der Codebezeichnung Kiebitz 15 von Walter Kopp, ebenfalls ein ehemaliger Wehrmachts-Offizier, den die Amerikaner als "unverbesserlichen Nazi" bezeichneten.[29][30] In einer im Juni 2006 veröffentlichten Stellungnahme vom April 1953 schrieb die CIA-Zentrale bezüglich des Skandals nach der Aufdeckung der BDJ-Aktivitäten:

Deutsche Übersetzung
Das derzeitige Aufsehen in Westdeutschland über das Wiederaufleben von Nazis oder Neonazi-Gruppierungen ist - im Kleinen - ein gutes Beispiel dafür, womit wir konfrontiert werden würden.
Englisches Original
The present furore in Western Germany over the resurgence of the Nazi or neo-Nazi groups is a fair example - in miniature - of what we would be faced with.

Daher wurden einige dieser Netzwerke aufgelöst. Diese Dokumente besagten, dass die früheren Nazi-Schergen aus nachrichten­dienstlicher Sicht ein kompletter Reinfall waren. Laut Timothy Naftali, einem Historiker der University of Virginia[wp], der die veröffentlichten CIA-Dokumente sichtete, zeigten die Akten "immer wieder, dass diese Leute mehr Ärger als Nutzen brachten. Die unverbesserlichen Nazis dachten immer nur an sich selbst, und sie nutzten den Informations­mangel des Westens über die Sowjetunion für sich selber aus."[30]

Anschlag auf das Münchner Oktoberfest 1980

Hauptartikel in Wikipedia: Oktoberfestattentat
Rechtsextreme unter Verdacht: Die Wehrsportgruppe Hoffmann

Eine Verbindung von Gladio-Mitgliedern zum Bomben­anschlag auf das Münchener Oktoberfest[wp] 1980 ist nicht bewiesen, wird aber laut Ganser durch die damaligen Ermittlungen der Staatsanwaltschaft zumindest nahegelegt.[31] Da der später als Einzeltäter bezeichnete Bombenleger Gundolf Köhler[wp] Verbindungen zur rechtsextremen, paramilitärischen Wehrsportgruppe Hoffmann[wp] hatte, ermittelten die Behörden zunächst im Hinblick auf eine Mittäterschaft rechter Gruppierungen. Die alleinige Täterschaft Köhlers wurde später vielfach angezweifelt.[32]

Ein rechtsradikaler Forstmeister mit 33 Waffenlagern

Raymund Hörnle und Sibylle Vorderbrügge waren mit dem Attentäter Gundolf Köhler befreundet[18] und Mitglieder der rechtsextremen terroristischen Vereinigung[wp] Deutsche Aktionsgruppen[wp]. Sie hatten bereits einen Tag nach dem Oktober­fest­attentat ausgesagt, dass der Rechtsextremist Heinz Lembke[wp] ihnen Waffen, Sprengstoff und Munition angeboten habe. Zudem habe er von umfangreichen Waffendepots erzählt, und dass er Personen im Gebrauch von Sprengstoff ausbilde. Diesem Hinweis ging die Staats­anwalt­schaft jedoch erst nach, als Waldarbeiter ein knappes Jahr später durch Zufall eines der Depots entdeckten. Lembke offenbarte im Untersuchungs­gefängnis die Lage seiner 33 illegalen Waffen- und Sprengstoff­depots, deren Entdeckung bei Uelzen[wp] in der Lüneburger Heide[wp] 1981 ein breites Medienecho fand: Sie enthielten unter anderem automatische Waffen, 14.000 Schuss Munition, 50 Panzerfäuste, 156 kg Sprengstoff, 230 Sprengkörper und 258 Handgranaten.[21] Die Menge und Qualität der gefundenen militärischen Ausrüstung deuten laut Daniele Ganser auf eine Verbindung Lembkes zu Gladio hin. Dies wurde jedoch nicht geklärt, da Lembke am 1. November 1981, einen Tag vor seiner Vernehmung durch einen Staatsanwalt, erhängt in seiner Gefängniszelle aufgefunden wurde.[21] Er hatte zuvor angekündigt, umfangreiche Erklärungen über seine Hintermänner abzugeben. Die Ermittlungen in dieser Richtung wurden bald nach seinem Tod eingestellt und Lembke als Einzelgänger dargestellt, der die Waffendepots aufgrund seiner Furcht vor einer sowjetischen Invasion[wp] angelegt habe. Die Verbindungen zum Oktober­fest­attentat wurden nach seinem Tod nicht weiter verfolgt. Schon damals merkte ein anonymer Autor vom österreichischen Verteidigungs­ministerium an, dass diese Interpretation zu bezweifeln sei:[3]

Zitat:

«Bemerkenswert ist, dass ein Staat mit extremen Sicherheits­vorkehrungen gegen Terroristen den Diebstahl oder das Verschwinden einer solchen großen Menge Kriegsmaterial nicht bemerkt haben sollte.»

Weiter auffällig ist, dass aus dem gesamten gewaltigen Waffenarsenal gerade einmal die Herkunft von drei Waffen geklärt werden konnte. Auch stammten diese drei Waffen von einer Privatfirma, welche die NATO und die Bundeswehr beliefert.

Die SPD-Bundestagsabgeordnete und Vorsitzende des Rechts­ausschusses[wp] Herta Däubler-Gmelin[wp] stellte 1981 eine parlamentarische Anfrage über die Zusammenhänge zwischen dem Fall Lembke und dem Oktoberfest-Attentat. Die Antwort von Andreas von Schoeler[wp], damals Staatssekretär im Bundes­innen­ministerium[wp], war: "Es besteht keine Verbindung”.[21]

Zweifel über einen wichtigen Zeugen

Einen der Hinweise auf die Beteiligung weiterer Personen, neben dem später als Einzeltäter bezeichneten Gundolf Köhler[wp], lieferte der Zeuge Frank Lauterjung. Er hatte bei seiner Vernehmung angegeben, dass Köhler kurz vor der Explosion gegenüber dem Haupteingang mit zwei Männern diskutiert habe. Lauterjung wurde anfangs von den Ermittlern als sehr glaubwürdig eingestuft, weil er zahlreiche weitere nachprüfbare Details genau beschrieb. Kurz nach dieser Aussage sagte der spätere Hauptzeuge aus, der aus Köhlers Heimatort Donaue­schingen kam. Seine Aussage stützte maßgeblich die Version, nach der Köhler als Einzeltäter gehandelt habe. Nachdem die Ermittler in der Folge mehrfach versucht hatten, Lauterjung zu einer Änderung seiner Aussage zu bewegen, starb er einige Wochen später im Alter von 38 Jahren an Herzversagen.[32][33] Eine Untersuchung, ob sein Tod mit dem Attentat in Verbindung stehen könnte, verlief ergebnislos.[32] Im Jahr 2010 wurde bekannt, dass Lauterjung als Rechtsradikaler bekannt war, und demgemäß die Frage gestellt, wie zuverlässig seine Aussagen gewesen waren. Zugleich wurde bekannt, dass Lauterjung bereits früher von Gesinnungs­genossen als V-Mann verdächtigt worden war. Dies ließ Fragen aufkommen, ob er tatsächlich zufällig am Tatort gewesen war, oder ob ein Zusammenhang mit dem rechtsradikalen Umfeld von Köhler bestanden haben könnte.[33] Rechtsanwalt Werner Dietrich, der Attentats­opfer vertritt und für eine Wiederaufnahme des Verfahrens eintritt, meinte, dass sich bei einer Bewahrheitung der V-Mann-Tätigkeit Lauterjungs die Frage stellen würde, ob er möglicherweise im Auftrag von Nachrichten­diensten oder anderer Stellen dort gewesen sei, um das Tatgeschehen zu lenken, zu überwachen oder sonstwie einzugreifen.[34]

Das offizielle Ermittlungs­ergebnis nannte Gundolf Köhler als Einzeltäter, der aus sozialer Vereinsamung und Verbitterung gehandelt habe.

Zweifel an der Einzeltätertheorie

Dietrich hält eine Allein­täterschaft Köhlers für unwahrscheinlich.[35] Ebenso wie der Journalist Ulrich Chaussy[wp] meint er, dass die Quellenlage "im Moment noch" nicht hinreiche, um Gansers These zu unterstützen, wonach staatliche Stellen in das Attentat verwickelt seien, diese Frage bekomme jedoch zunehmende Bedeutung.[36] Die taz[wp] urteilte, Ganser bewege sich hier auf "dünnem Eis".[36]

Anfrage im Bundestag nach Verbindungen zur Hoffmann-Gruppe und Gladio

Die Bundestagsfraktion Bündnis 90/Die Grünen stellte im Juni 2009 eine Kleine Anfrage[wp] im Bundestag mit dem Titel Oktoberfest-Attentat - Stasi-Notizen und Indizien betreffend Beteiligung der "Wehrsportgruppe Hoffmann" sowie Verbindungen zu "Gladio".[37] Die Abgeordneten bezogen sich in ihren 48 Einzelfragen insbesondere auf Notizen im Archiv der Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen[wp], die durch das Buch "Die Oktoberfest-Bombe" des Journalisten Tobias von Heymann publik geworden waren.[37] Unter anderem stellen sie der Bundesregierung die Frage, ob Erkenntnisse vorliegen, die einen Zusammenhang zwischen diesem Attentat und dem Anschlag von Bologna vom 2. August 1980[wp] nahelegen. Zudem wurde nach der Aktion Wandervogel gefragt, in der laut Stasi-Aufzeichnungen die Verfassungs­schutz­ämter dreier Bundesländer (Bayern, Baden-Württemberg und Hessen) schon 22 Stunden vor dem Bombenanschlag die später tat­verdächtige Wehrsport­gruppe Hoffmann intensiv beobachtet hatten.[37] Die Anfrage wurde von der Bundesregierung am 22. Juni 2009 zu den meisten Einzelfragen dahingehend beantwortet, dass ihr die betreffenden Tatsachen bekannt seien, aber keine neuen Erkenntnisse darüber vorlägen. Zudem wurde die Beantwortung zahlreicher Fragen, die den Geheim­dienst­bereich tangierten, mit dem Hinweis abgelehnt, dass man grundsätzlich keine Fragen beantworte, die die Arbeit der Nachrichten­dienste des Bundes beträfen - respektive nur dem dafür zuständigen parlamentarischen Kontrollgremium[wp] antworten würde. Zu Angelegenheiten der Bundesländer äußere man sich zudem grundsätzlich nicht.[38]

Rote Armee Fraktion

Die Journalistin Regine Igel[wp] vertritt die Auffassung, dass auch die deutsche RAF[wp] - wie die italienischen Roten Brigaden[wp] - von Geheimdiensten unterwandert worden sei.[39] Dies stützt sie unter anderem auf Ermittlungs­ergebnisse der italienischen Justiz, die auf eine Zusammenarbeit der beiden Gruppen bei der Entführung von Aldo Moro[wp] schließen lassen. An der Entführung waren laut der Untersuchungs­kommission Terrorismus und Massaker des italienischen Senats und Erkenntnissen der italienischen Justiz mit hoher Wahrscheinlichkeit auch Geheimdienste beteiligt.[39][40] Die Tatsache, dass die Zusammenhänge zwischen der RAF und Geheimdiensten in Deutschland praktisch unbekannt seien und nie offiziell untersucht wurden, begründete Igel damit, dass deutsche Staatsanwälte an Weisungen durch die Exekutive gebunden sind. Anders als in Italien würde auf diese Weise die Untersuchung der Verwicklung staatlicher Stellen in den Terrorismus blockiert.[39][41] 2012 ist das Buch "Terrorismus-Lügen. Wie die Stasi im Untergrund agierte" (Herbig) von Igel erschienen. Darin wird mit Stasi-Akten umfassend die Zusammenarbeit der RAF mit dem ostdeutschen Geheimdienst belegt.

Der Politologe und RAF-Forscher Wolfgang Kraushaar[wp] meinte dazu, dass er - im Unterschied zum Fall der Roten Brigaden und deren geheim­dienstlicher Vernetzung und Teil-Instrumentalisierung - im Fall des vermeintlichen bundes­deutschen Pendants RAF wegen des Mangels an empirisch überprüfbaren Fakten skeptisch sei. Er bezeichnete Gansers Arbeit als die bislang fundierteste historische Studie zu Gladio − sie mache allerdings deutlich, wie wenig im bundes­deutschen Fall an Fakten vorhanden sei. Andererseits wollte Kraushaar die Möglichkeit, dass sich der deutsche 1970er- und 1980er-Jahre-Terrorismus im Kontext einer Geheim­organisation wie Gladio besser erklären ließe, nicht ganz ausschließen.[42] Das beste Beispiel für den bis heute ungeklärten geheim­dienstlichen Einfluss auf die linksradikale Szene sei die Rolle des Berliner Verfassungsschutz-V-Manns[wp] Peter Urbach[wp] Ende der 1960er Jahre:

Zitat:

«Wenn es der Forschung nicht gelingt, die diversen Schnittstellen zwischen Geheimdiensten und terroristischen Organisationen zu erhellen, dann wird die historische Darstellung - etwa die der RAF - höchst unzureichend bleiben.»

Er betonte jedoch gleichzeitig, dass sich seiner Ansicht nach die RAF und andere deutsche terroristische Gruppen nicht auf "von Geheimdiensten ferngesteuerte Elemente"[wp] reduzieren ließen. Diese These beurteilte er als bequeme Entlastungs­strategie der damaligen Untergrund-Akteure, die nicht greifen würde.[42] So hat der Ex-Terrorist Michael "Bommi" Baumann[wp] mit Bezug auf die erwiesene Bomben- und Waffenverteilung durch Urbach an die Berliner Szene[wp] (und mit Verweis auf Gladio[43]) die These aufgestellt, dass er und andere linke Untergrundkämpfer von der Bewegung 2. Juni[wp] und der RAF, obwohl damals vermeintlich selbständig und unabhängig agierend, unwissentlich nur "Marionetten ganz anderer Interessen" in einer "übergeordneten Strategie"[wp] gewesen seien. Diese habe unter anderem darin bestanden, die aufkommende 68er-Bewegung[wp] durch Förderung ihrer gewaltbereiten Elemente und einer Kriminalisierung[wp] als gesellschaftlich verändernde, relevante Kraft zu diskreditieren - denn mit "Irren, die wahllos Bomben schmeißen" hätte dann folgerichtig niemand mehr etwas zu tun haben wollen. Nach Baumanns Aussage gäbe es mehrere deutsche Ex-Terroristen, die zu ähnlichen Schlussfolgerungen gekommen seien. Da entsprechende Vorgänge in dem gleichen Zeitraum in Italien ausführlich belegt seien[wp], könne man solche Überlegungen auch nicht einfach als "Verschwörungstheorie" abtun.[44][45]

Belgien

Hauptartikel in Wikipedia: Killerbande von Brabant

In Belgien[wp] haben Ermittler, Journalisten und Politiker wiederholt den Verdacht geäußert, dass die als Massaker von Brabant bekannt gewordenen Morde der Bande von Nijvel mit Gladio in Verbindung standen. Während einer Serie von äußerst brutalen Raubüberfällen von 1982 bis 1985 hatten bis heute unbekannte Täter 28 Menschen getötet und mehr als 20 verletzt. Die aus drei festen und mehreren wechselnden Mitgliedern bestehende Gruppe führte die bewaffneten Überfälle auf Restaurants, Einzelhändler, Supermärkte und ein Waffendepot mit beinahe militärischer Präzision aus. Die Täter erschossen dabei jeweils wahllos und kaltblütig mehrere unbeteiligte Menschen. Dies führte in der Öffentlichkeit zu dem Verdacht, dass die Vorfälle ein Versuch sein könnten, das Land gezielt zu destabilisieren. In diesem Zusammenhang wurde die belgische Gendarmerie (Rijkswacht), eine Polizeiformation, die teilweise dem belgischen Verteidigungsminister[wp] unterstand, verdächtigt. Die bei den Morden verwendeten Tatwaffen waren teilweise aus einem Waffendepot der Polizei gestohlen worden.

Der sozialistische Verteidigungsminister Guy Coeme[wp] forderte nach dem Bekanntwerden der italienischen Gladio-Aktivitäten 1990 selbst eine parlamentarische Untersuchung. Diese hatte den expliziten Auftrag zu klären, ob die belgische NATO-Geheimarmee in die Massaker von Brabant verwickelt war. Die Senatoren bestätigten in ihrem öffentlichen Abschlussbericht, dass unter dem Decknamen SDRA8 in Form einer Untereinheit des militärischen Geheimdienstes SGR (Service Général de Renseignement) eine Stay-behind-Armee in Belgien aktiv war. Sie konnten die Frage nach einer Verbindung mit den Terroranschlägen allerdings nicht abschließend beantworten, da sich SGR-Direktor Bernard Legrand strikt weigerte, die Namen der SDRA8-Mitglieder an die Kommission zu übergeben, die diese mit Namen von bekannten Verdächtigen vergleichen wollte. Er blieb bei dieser Haltung, obwohl die Senatoren betonten, dass die Exekutive ihnen gemäß der Verfassung antworten müsse, und obwohl der Vorgesetzte von Legrand, Verteidigungsminister Coeme, die Freigabe der Namen explizit angeordnet hatte.[21][23]

Schweiz

Hauptartikel in Wikipedia: P-26

In der Schweiz bestand bis mindestens 1990 eine geheime Widerstands­organisation. Sie hatte zuletzt den Tarnnamen Projekt 26 (P-26), unterhielt geheime Waffenlager und bildete Schweizer Militär­angehörige zu Guerilla­kämpfern aus. Gemäß dem nur teilweise veröffentlichten Bericht der Schweizer Untersuchungs­kommission von 1991 kooperierte die P-26 nicht mit der CIA, sondern nur mit dem britischen Geheimdienst MI6 und dem britischen Special Air Service[wp]. Die P-26 wird daher nicht als direkt mit dem NATO-Netzwerk verbunden angesehen; dies hätte auch einen eklatanten Verstoß gegen die Neutralität der Schweiz dargestellt.[11] Indirekt gab es allerdings laut Daniele Ganser deutliche Zusammenhänge zwischen der P-26 und den Geheimarmeen der NATO-Staaten:

Zitat:

«Die Schweiz hatte aber sehr enge Verbindungen zum britischen Geheimdienst MI6. Die Schweizer trainierten in England, richteten in London eine Funkübermittlungszentrale ein und verwendeten das Harpoon-Funksystem[wp] der Nato-Geheimarmeen. Mit dieser engen Verbindung nach London hatte die P-26 natürlich auch direkten Kontakt zur Geheimarmee-Leitstelle; sie war so also indirekt durchaus integriert.»

Die Existenz der P-26 wurde 1990 von der Parlamentarischen Untersuchungs­kommission[wp] (PUK-EMD) zur Fichen­affäre[wp] aufgedeckt. Der mögliche Zeuge Oberstleutnant Herbert Alboth[wp], ein früheres Mitglied des Spezialdienstes, eines geheimen Armee­stabsteils der Untergruppe Nachrichtendienst und Abwehr[wp] (UNA), bot der Kommission an, die "ganze Wahrheit" aufzudecken. Er wurde kurz vor seiner Aussage tot in seiner Berner Wohnung gefunden, erstochen mit dem eigenen Armee-Bajonett[wp]. Die sicher­gestellten geheimen Unterlagen (alte Schulungs- und Kurs­unterlagen, Adresslisten von Ehemaligen des Spezial­dienstes etc.), für die die unbekannten Täter keinerlei Interesse gezeigt hatten, sowie weitere Tatbestände sprachen gegen die Annahme eines Zusammenhanges zwischen der Tat und der ehemaligen Tätigkeit des Opfers. Die Untersuchungs­behörde vermutete ein Beziehungsdelikt. Alboth war kein Mitglied der P-26.

Die Teile des Untersuchungsberichts, die die Beziehungen der P-26 zum Ausland betreffen (Cornu-Bericht[wp]), sind bis heute als geheim[wp] eingestuft, da befürchtet wird, dass die Veröffentlichung des gesamten Berichtes "die guten Beziehungen der Schweiz zu anderen Staaten gefährden würde”. Viele Einzelheiten über P-26 sind daher bis heute unbekannt oder sehr fraglich.[46]

Österreich

Im besetzten Nachkriegsösterreich[wp] wurde zunächst im Jahr 1947 von antikommunistischen Gewerkschaftern die Absprachen getroffen, eine schlagkräftige Truppe gegen mögliche kommunistische Umsturzversuche aufzustellen. Nachdem diese unter der Führung von Franz Olah[wp] bei den Oktoberstreiks 1950[wp] eine entscheidende Rolle in der Niederschlagung des Generalstreikes gespielt hatte, wurde sie mit Unterstützung der CIA zu einer paramilitärischen Geheimarmee ausgebaut, die sich den Tarnnamen Österreichischer Wander-, Sport- und Geselligkeitsverein[wp] gab. Spezial­einheiten wurden in der amerikanischen Besatzungszone als Stay-behind ausgebildet und Scheinfirmen sorgten für die finanzielle Abwicklung. Als Franz Olah 1963 Innenminister wurde und international eine Entspannung im Kalten Krieg erkennbar war, wurde diese Organisation jedoch schrittweise aufgelöst, auch weil sie mit der österreichischen Neutralität nicht vereinbar war.

Im Zuge eines innenpolitischen Skandals kamen im Jahr 1969 erstmals Informationen über diese Geheimarmee an die Öffentlichkeit. Diese wurden jedoch erst nach Ende des Kalten Krieges und der Aufdeckung des Gladio-Netzwerkes in Italien in ihrem internationalen Zusammenhang erkannt. Die Besonderheit der österreichischen Stay-behind-Organisation war, dass sie sich ausschließlich auf sozialistische Gewerkschafter stützte. Verbindung zu Terroranschlägen, besonders im Zusammenhang mit rechtsextremen und neonazistischen Gruppierungen konnten dem OeWSGV nicht nachgewiesen werden. Offen geblieben sind in diesem Zusammenhang jedoch Fragen zum Befreiungsausschuss Südtirol[wp], dessen Aktionen in diese Zeitperiode fallen. Es wird jedoch eher vermutet, dass die Südtirol-Aktivisten unwissentlich von der italienischen Gladio unterwandert waren, um die dortige Strategie der Spannung[wp] anzuheizen.

Unklar ist weiterhin ob und inwieweit der OeWSGV in Verbindungen mit ähnlichen Geheimarmeen in NATO-Staaten und damit dem Gladio-Netzwerk stand, oder ob es sich dabei um ein auf Österreich beschränktes Phänomen mit verdeckter Unterstützung der USA handelte. Im Jahr 1996 wurden in den USA geheime Dokumente aus der Besatzungszeit veröffentlicht, die zur Auffindung von über 100 versteckten Waffendepots in Österreich, teilweise im Hochgebirge, führten. Ungeklärt ist jedoch, ob diese für die Versorgung von amerikanischen Agenten oder zur Bewaffnung einer antikommunistischen Partisanenarmee gedacht waren.

Türkei

Denkmal für den Journalisten Abdi İpekçi, der im Vorfeld des Militärputschs in der Türkei 1980 von Abdullah Çatlı und dem späteren Papst-Attentäter Mehmet Ali Ağca ermordet wurde.

Hauptartikel in Wikipedia: Tiefer Staat

Der türkische Gladio-Zweig wurde unter dem Namen Counter-Guerilla[wp] oder Kontra-Guerilla geführt.[21] Eine der maßgeblichen Personen der Counter-Guerilla war der Rechts­extremist und Heroin­händler[47] Abdullah Çatlı[wp], der auch großen Einfluss in der rechtsextremen Partei Graue Wölfe[wp] hatte. Çatlı organisierte Straßen­kämpfe und die Ausbildung von jungen Anhängern für den Kampf gegen Linksradikale.[48]

Der französischen Monatszeitung Le Monde diplomatique[wp] zufolge traf sich Çatlı mehrfach mit Stefano Delle Chiaie in Lateinamerika und im September 1982 in Miami:

Zitat:

«Çatli galt beim türkischen Arm der Organisation Gladio als einer der wichtigsten Männer fürs Grobe. Auch bei den blutigen Ereignissen der Jahre 1976 bis 1980, die die Bedingungen für den Militärputsch vom September 1980[wp] schufen, spielte er eine führende Rolle.»Kendal Nezan[47]

Ein weiteres Mitglied der türkischen Counter-Guerilla war der Papst-Attentäter Mehmet Ali Ağca[wp]. Gemeinsam mit Çatlı ermordete er 1979 den Chefredakteur der großen türkischen Zeitung Milliyet[wp], den Journalisten Abdi İpekçi[wp].[48] Zuvor hatte er in Ankara[wp] und Istanbul[wp] zusammen mit seinem Freund Çatlı Schießereien und Straßenkämpfe gegen Linksradikale organisiert. İpekçi war besorgt über den zunehmenden, von der extremen Rechten ausgehenden Straßenterror gewesen und hatte daher persönlich beim damaligen CIA-Stationschef Paul Henze[wp] (1924-2011) darauf gedrungen, dass der CIA die von İpekçi vermutete Unterstützung der Unruhen einstellen solle.[48]

Der Tod von Çatlı bei einem Verkehrsunfall 1996 löste einen politischen Skandal[wp] in der Türkei aus. Der zu diesem Zeitpunkt wegen Mordes mit Haftbefehl in der Türkei und von Interpol gesuchte Çatlı hatte einen vom damaligen Innenminister Mehmet Agar[wp] persönlich unterschriebenen Reisepass bei sich, der ihn als Staatsbeamten auswies. Er befand sich in Gesellschaft des Parlamentsabgeordneten der Regierungspartei Sedat Bucak, des stellvertretenden Polizeichefs von Istanbul und der ehemaligen Schönheits­königin Gonca Us. Nur Bucak, der auch Leiter von umstrittenen, gegen die Arbeiterpartei Kurdistans[wp] (PKK) eingesetzten Dorfschützer­einheiten[wp] im Südosten der Türkei war, überlebte. In dem Unfallwagen fand die Polizei unter anderem mehrere Hand­feuer­waffen mit Schalldämpfern. Innenminister Agar hatte zunächst versucht, die Situation damit zu erklären, dass der Polizei­beamte den Gesuchten verhaftet hatte. Als sich dies als Lüge entpuppte, musste er zurücktreten. In der nachfolgenden parlamentarischen Untersuchung wurden zahlreiche Zusammenhänge zwischen Politik, Militär, Geheimdiensten und dem organisiertem Verbrechen in der Türkei aufgedeckt.[49][50] Dieser Komplex wird in der Türkei als Tiefer Staat[wp] bezeichnet.

Spanien

Ein Jahr nach dem Tode des spanischen Diktators Franco[wp] ermordeten im Mai 1976 rechtsextreme Terroristen zwei linksgerichtete Carlisten[wp]. Unter den Attentätern befanden sich der italienische Neofaschist Stefano Delle Chiaie[wp] und Mitglieder der Alianza Anticomunista Argentina[wp] (AAA), was auf eine Verbindung zum südamerikanischen Schmutzigen Krieg[wp] hindeutet.[25] Dieser Vorfall wurde als das Massaker von Montejurra bekannt. Laut einem CESIS[wp]-Bericht war Carlo Cicuttini - der 1972 gemeinsam mit Vincenzo Vinciguerra[wp] für den oben beschriebenen Bombenanschlag in Peteano[wp] verantwortlich war - 1977 am Blutbad von Atocha[wp] beteiligt, bei dem fünf Angehörige der PCE[wp]-nahen Gewerkschaft Comisiones Obreras ums Leben kamen. Cicuttini war in Spanien eingebürgert und lebte dort seit 1972, dem Jahr des Peteano-Anschlags.[51]

Als Reaktion auf die umfangreichen Bekenntnisse Giulio Andreotti[wp]s bestritt Adolfo Suárez[wp], Spaniens erster demokratisch gewählter Ministerpräsident nach Francos Tod, jemals von Gladio gehört zu haben.[52] Suárez' Nachfolger Leopoldo Calvo-Sotelo[wp] gab an, dass Spanien nach dem Beitritt zur NATO nicht über Gladio informiert worden wäre. Auch sagte er, dass ein solches Netzwerk im franquistischen[wp] Spanien nicht notwendig gewesen wäre, da "das Regime selber Gladio war".[53]

General Fausto Fortunato, Leiter des italienischen Geheimdienstes SISMI[wp] von 1971 bis 1974, äußerte, dass Frankreich und die USA Spaniens Einstieg in die Organisation Gladio befürworteten, Italien aber sein Veto aussprach. Der spanische Verteidigungsminister Narcís Serra[wp] ordnete jedoch eine Untersuchung über Spaniens Verhältnis zu Gladio an.[54][55] Darüber hinaus schrieb die Zeitung Canarias 7 unter Berufung auf den früheren Gladio-Agenten Alberto Volo, dass Anfang August 1991 ein Gladio-Treffen auf Gran Canaria[wp] stattgefunden hätte.[56] Volo gab ebenfalls an, in den 1960er und 1970er Jahren als Gladio-Agent Trainings in Maspalomas[wp] auf Gran Canaria[wp] absolviert zu haben. Die Zeitung El País[wp] berichtete außerdem von Vermutungen, dass Gladio in den 1970ern ehemalige Einrichtungen der NASA[wp] in Maspalomas genutzt hätte.[57]

Auch der belgische Ex-Geheimagent André Moyen erklärte, dass Gladio in Spanien aktiv gewesen wäre.[58] So hätte Gladio Stützpunkte in Madrid, Barcelona, San Sebastián und auf den Kanaren[wp] betrieben.

Griechenland

Das Ziel des britischen Premierministers[wp] Winston Churchill[wp] war es, die kommunistisch angeführte Widerstandsbewegung EAM[wp] an der Machtübernahme nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs zu hindern. Nach der Niederschlagung eines Aufstands von EAM-Anhängern im April 1944 unter den griechischen Streitkräften in Ägypten[wp] wurde eine neue und zuverlässige Einheit aufgestellt, die Dritte Griechische Gebirgsbrigade, von der "fast alle Männer von gemäßigt konservativen bis linken Ansichten" ausgeschlossen waren.[8] Nach der Befreiung im Oktober 1944 kontrollierte die EAM den größten Teil des Landes. Als sie am 3. Dezember 1944 eine Demonstration in Athen veranstaltete, schossen plötzlich Angehörige rechtsgerichteter und pro-royalistischer paramilitärischer Verbände in die Menge. Gedeckt wurden sie dabei von "britischen Truppen und von Polizisten mit Maschinengewehren (...) die auf Hausdächern Stellung bezogen hatten". Dabei wurden 25 Demonstranten getötet, darunter ein sechs Monate alter Junge, und 148 verletzt.[59] Dies war der Ausbruch der Schlacht um Athen[wp] (Dekemvriana), die dann zum Griechischen Bürgerkrieg[wp] führte.

Als Griechenland 1952 der NATO beitrat, wurden die LOK (Lochoi Oreinōn Katadromōn, d. h. Gebirgsjägerkompanien) in das europäische Stay-behind-Netzwerk eingegliedert. Die CIA und LOK bekräftigten am 25. März 1955 ihre Zusammenarbeit in einem Geheimdokument, das von General Trascott für die CIA und von Konstantinos Dovas, dem Stabschef des griechischen Militärs unterzeichnet wurde. Außer der Vorbereitung auf einen sowjetischen Einmarsch gab die CIA den LOK auch Anweisungen zur Verhinderung eines linksgerichteten Militärputsches. Der ehemalige CIA-Agent Philip Agee[wp], der in den USA wegen der Enthüllung sensibler Informationen scharf kritisiert worden ist, behauptet, dass "paramilitärische Gruppen, angeführt von CIA-Beamten, während der sechziger Jahre in ganz Europa operierten" und betont, dass "vielleicht keine Aktivität der CIA so klar wie diese mit der Möglichkeit internationaler subversiver Tätigkeit[wp] in Verbindung gebracht werden könne".[60]

Emblem der griechischen Militär­diktatur (1967-1974). Der Putsch der rechtsgerichteten Obristen gegen die demokratische Regierung wurde unter Mithilfe des griechischen Stay-Behind-Zweigs durchgeführt.
Die LOK waren beteiligt an dem Putsch[wp], der die Griechische Militärdiktatur[wp] (1967-1974) an die Macht brachte.[61] Der Putsch wurde am 21. April 1967 durchgeführt, einen Monat vor dem Wahltag, für den Meinungs­umfragen einen überwältigenden Sieg der Zentrumsunion (Enosis Kendrou[wp]) von Georgios[wp] und Andreas Papandreou[wp] vorhergesagt hatten. Unter dem Kommando des Fallschirmjäger[wp]s Oberstleutnant Kostas Aslanides übernahmen die LOK die Kontrolle über das Verteidigungs­ministerium, während Brigadegeneral Stylianos Pattakos Kommunikations­zentralen, Parlament und Königspalast unter seine Kontrolle brachte und aufgrund ausführlicher Listen 10.000 Personen verhaftete. Phillips Talbot[wp], der amerikanische Botschafter in Athen, missbilligte den Militärputsch und beklagte, dass er eine "Vergewaltigung der Demokratie" darstelle - worauf Jack Maury, der Chef der CIA-Zentrale in Athen erwiderte: "Wie kann man denn eine Hure vergewaltigen?"[62]

Andreas Papandreou wurde festgenommen und ging dann nach Kanada und Schweden ins Exil, kehrte aber später nach Griechenland zurück, wo er 1981 die Wahl zum Premierminister gewann und die erste sozialistische Regierung Griechenlands nach dem Krieg bildete. Seiner eigenen Aussage nach entdeckte er die Existenz der geheimen NATO-Armee, die den Codenamen Red Sheepskin (Roter Schafspelz)[63] trug, als amtierender Premierminister 1984 und gab Anweisungen zu ihrer Auflösung.

Giulio Andreottis Enthüllungen von 1990 zufolge bestätigte der griechische Verteidigungsminister, dass ein Zweig des Netzwerks, genannt Operation Sheepskin, bis 1988 in seinem Land aktiv war.[64] Die sozialistische Opposition forderte eine parlamentarische Untersuchung der Geheimarmee und ihrer angeblichen Verbindungen zu Terrorismus und dem Militärputsch von 1967. Innenminister Yannis Vassiliadis erklärte, es bestehe kein Bedarf, solche "Phantasien" zu untersuchen, denn "Sheepskin war einer von 50 NATO-Plänen, die vorsahen, dass dann, wenn ein Land von einem Feind besetzt wird ein organisierter Widerstand bestehen solle. Sheepskin sah geheime Waffenverstecke vor und auch Offiziere, die den Kern eines Guerillakrieges bilden konnten, Mit anderen Worten, es war, national gesehen, ein gerechtfertigter Vorgang."[65]

Im Dezember 2005 veröffentlichte der Journalist Kleanthis Grivas einen Artikel in der griechischen Sonntagszeitung To Proto Thema, in dem er Sheepskin beschuldigte, 1975 einen Mordanschlag auf den Chef der CIA-Filiale in Athen, Richard Welsh verübt zu haben, sowie 2000 einen Mordanschlag auf den britischen Militärattaché Stephen Saunders. Das US-Außenministerium bestritt dies und ließ verlauten, dass "die griechische Terrororganisation 17. November für beide Mordanschläge verantwortlich" sei, und dass Grivas' Hauptindiz das Westmoreland Field Manual sei, welches sowohl vom Außenministerium als auch von einem unabhängigen Untersuchungsausschuss des Kongresses als sowjetische Fälschung bezeichnet hätten. Das betreffende Dokument erwähnt jedoch weder Griechenland noch den 17. November noch Welch. Das Außenministerium wies auch auf die Tatsache hin, dass im Fall des Richard Welsh "Grivas bizarrerweise die CIA beschuldigt, bei der Ermordung eines ihrer eigenen leitenden Beamten beteiligt gewesen zu sein". Sheepskin könne Stephen Saunders aus dem einfachen Grund nicht ermordet haben, weil "die griechische Regierung sagt, sie habe das Stay-behind-Netzwerk 1988 aufgelöst.

Luxemburg

Nach einem Zeitungsbericht vom 10. November 1990 in der Zeitung vum Lëtzebuerger Vollek bestätigte Jacques Santer[wp] am 14. November 1990 vor dem Luxemburger Parlament[wp] die Existenz einer Stay-behind-Organisation in Luxemburg, verfügte aber als zuständiges Regierungsmitglied deren umgehende Auflösung. Die Organisation war seit 1959 mit Genehmigung des Premiers Pierre Werner[wp] aktiviert worden, ihre Steuerung sei durch den luxemburgischen Geheimdienst Service de Renseignement de l'Etat[wp] erfolgt, die Koordination erfolgte über eine Dienststelle der NATO. Angehörige der Organisation sowie einzelne Aktionen wurden bisher namentlich nicht offiziell bekannt.[66] Am 17. Dezember 1990 informierte Santer den Verfassungsausschuß des Parlamentes darüber, dass die Organisation nie aus mehr als zwölf Personen bestanden habe und lediglich für die Übermittlung nachrichtendienstlicher Informationen sowie die Ein- und Ausschleusung von Personen vorgesehen war. Handwaffen waren seit 1973 eingelagert worden, ein direkter Zugang dazu war nicht vorgesehen. Am 14. Oktober 1990 wurden die noch lebenden Angehörigen der Organisation über die Auflösung informiert und aufgefordert, ihr Funkmaterial abzugeben.[67]

Im Februar 2013 begann in Luxemburg ein Prozess gegen zwei Polizisten, denen man vorwirft, sie hätten als Angehörige der Brigade mobile de la Gendarmerie[wp] (BMG) gemeinsam mit zwei weiteren (inzwischen verstorbenen) Kollegen in den 1980er Jahren Terror­anschläge inszeniert, was damals als Bombenlegeraffäre[wp] bekannt wurde. In diesem Zusammenhang schilderte der Deutsche Andreas Kramer, laut eigener Aussage Historiker, in einer eides­stattlichen Erklärung die Erinnerungen seines verstorbenen Vaters, der für den deutschen Bundes­nachrichten­dienst als Verbindungsmann für die Benelux-Staaten gearbeitet haben soll.[68][69] Seinem Sohn zufolge war Kramer Operations­leiter von Gladio und koordinierte Einsätze in Deutschland, Italien, den Benelux-Staaten und der "neutralen" Schweiz. Das so genannte Allied Clandestine Committee (ACC) sei Teil eines Beschlusses auf höchster Natoebene gewesen.[70] Über Kramers Schreibtisch sollen die Bombenleger-Aktionen koordiniert worden sein. Verwandte von Kramer wider­sprachen diesen Aussagen.[71][72]

Offizielle Darstellung und Untersuchungen

Der italienische Spitzen­politiker Giulio Andreotti machte die Existenz Gladios 1990 erstmals öffentlich bekannt.
Der Bevölkerung wurde Gladio erstmals bekannt, als der damalige italienische Ministerpräsident Giulio Andreotti[wp] am 3. August 1990 im Rahmen einer Parlamentsanfrage öffentlich die Existenz auch einer "Operation Gladio” des militärischen Geheimdienstes SISMI[wp] bestätigte. Im Oktober desselben Jahres gab er unter dem Druck der an die Öffentlichkeit gekommenen Briefe des von den Roten Brigaden[wp] entführten und ermordeten Politikers Aldo Moro[wp] zu, dass die Operation Gladio, entgegen seinen ursprünglichen Aussagen, noch bis in die späten 1970er Jahre lief und dass die NATO maßgeblich an der illegalen Operation beteiligt war.[17]

Es folgte eine Reihe von Dementis der Regierungen anderer europäischer Länder. In der Schweiz, Belgien und Italien fanden Anfang der 1990er Jahre parlamentarische Unter­suchungen zu Gladio statt.

In Deutschland zeigte die SPD anfänglich reges Interesse an einer Aufklärung. Eine parlamentarische Anfrage der Grünen beantwortete die Bundesregierung[wp] sinngemäß mehrdeutig so, dass ihr keinerlei Kenntnisse über aktuelle Aktivitäten von Gladio in Deutschland vorlägen bzw. dass diese spätestens 1972 eingestellt worden seien.

Im Oktober 2013 beantwortete Ronald Pofalla[wp] als der für die Geheimdienst­koordinationen zuständige Chef des Bundes­kanzler­amtes, im Rahmen einer "Kleinen Anfrage" der Partei DIE LINKE zu 'Maßnahmen der Bundesregierung zur Aufdeckung der Tätigkeiten von Gladio' die Frage "An welchen Übungen hat sich die Stay-Behind-Org. des BND beteiligt?" in folgender Weise: "Den bisher ausgewerteten Altunterlagen des BND konnten Hinweise auf sechs Übungen oder Operationen im Sinne der Frage entnommen werden."[73]

Es ist bis heute nicht bekannt, ob Gladio nach dem Ende des Kalten Kriegs vollständig eingestellt wurde und was mit der gelagerten Ausrüstung passiert ist.

Stellungnahme der NATO

Die NATO reagierte auf die Aussage Andreottis, dass Gladio eine NATO-Organisation sei, mit Konfusion. Erst rund einen Monat später trat am 5. November 1990 der höchstrangige NATO-Sprecher Jean Marcotta vor Journalisten und erklärte, dass "die NATO niemals einen Guerillakrieg oder Geheimaktionen in Betracht gezogen hat."[6] Schon einen Tag später wurde diese Aussage von einem anderen NATO-Sprecher jedoch als falsch (incorrect) bezeichnet. Die Journalisten erhielten ein kurzes Kommuniqué, das besagte, dass die NATO sich grundsätzlich nicht zu geheimen militärischen Angelegenheiten äußern würde und sein Kollege Marcotta am Vortag gar nichts hätte sagen sollen.[6] Die Presse protestierte gegen das Verhalten der NATO, sie mit diesen geringen Informationen abzuspeisen. In der Bericht­erstattung dominierte in der Folge die Aussage, dass die Geheimarmeen Teil einer NATO-Organisation waren.[74]

Stellungnahme der US-Regierung / US Army Field Manual 30-31B

Das Außenministerium der USA gab im Jahr 2006 als Reaktion auf die Veröffentlichung der Forschungsergebnisse der ETH Zürich eine umfangreiche Pressemitteilung heraus.[7] Darin wurde eines der von Ganser zitierten Dokumente, das US Army Field Manual[wp] 30-31B[75][76], als sowjetische Fälschung und die Terrorismus­vorwürfe insgesamt als falsch bezeichnet. Daniele Ganser hat jedoch angeführt, dass es einige Anhaltspunkte für die Authentizität des Dokuments gäbe:

Zitat:

«Wir kennen das SIFAR[wp]-Dokument von 1959 und das Handbuch 30-31B, das besagt, dass man gelegentlich Terror inszenieren muss, um politische Kontrolle zu bewahren. Theoretisch ist durchaus denkbar, dass dieses Handbuch von den Sowjets gefälscht wurde. Ich stütze mich in meiner Forschung aber auch auf Aussagen von Geheimdienst­mitarbeitern aus den USA. Auf Ray Cline etwa, einen ehemaligen CIA-Führungskader, und den Ex-Chef der italienischen P2-Loge, Licio Gelli[wp], der eng mit den USA kooperierte, um den Kommunismus in Italien zu bekämpfen. Beide haben erklärt, dass es sich um ein authentisches Handbuch handelt. Im inszenierten Terrorismus sind nicht viele Leute aktiv. Wenn die Aussagen von solchen Personen mit Fakten übereinstimmen, kann man davon ausgehen, dass hier ein echtes Dokument vorliegt. Mir ist andererseits auch klar, dass die US-Regierung alles abzustreiten[wp] versucht.»

Das Field Manual 30-31B wurde erstmals in den 1970er Jahren in europäischen Medien veröffentlicht. Laut dem Geheim­dienst­forscher Giuseppe de Lutiis kündigte als erstes die türkische Zeitung Baris seine Veröffentlichung an, jedoch verschwand der Journalist, in dessen Besitz das Dokument gelangt war, vor der Veröffentlichung spurlos.[77] Er bleibt bis heute verschwunden. Auf die spanische Zeitung Triunfo und das italienische Wochenmagazin Europeo wurde später Druck ausgeübt, das Dokument nicht zu veröffentlichen. Als 1981 die Tochter von Licio Gelli auf dem Flughafen von Rom verhaftet wurde, fanden sich in ihrem Gepäck Teile des Dokuments.[77]

BBC-Dokumentarfilm

Im Rahmen ihrer Geschichtsreihe Timewatch strahlte die britische BBC[wp] 1992 eine Dokumentation von Alan Francovich in drei Teilen zu je etwa 50 Minuten über Gladio aus. Zahlreiche Schlüssel­personen der Operation kommen darin in teilweise anonymisierten Interview­sequenzen zu Wort, darunter das wegen Mordes verurteilte Gladio-Mitglied Vincenzo Vinciguerra, ehemalige Spitzen­funktionäre der italienischen Militär­geheim­dienste und eine Reihe von hohen in Italien eingesetzten CIA-Agenten. Die Filme sind die einzigen Dokumente, in denen maßgeblich beteiligte Personen selbst berichten. So stammt etwa das obige, mittlerweile weitverbreitete Zitat von Vinciguerra ursprünglich aus einem der Interviews (Gladio Part 2, ab ca. 4:00 min). Darüber hinaus sprechen Vorsitzende und Mitglieder der staatlichen italienischen und belgischen Unter­suchungs­kommissionen sowie Journalisten über ihre Erkenntnisse.

Die drei Teile der Dokumentation haben die Titel Gladio. Part 1 - The Ring Masters (Die Direktoren), Gladio. Part 2 - The Puppeteers (Die Puppen­spieler) und Gladio. Part 3 - The Foot Soldiers (Die Fußsoldaten; Aufnahmen auch unter dem Titel Operation Gladio - Behind False Flag Terrorism ... (part 3) bei video.google.com zu finden).

SWR-Dokumentation

Im Rahmen der Reihe Geschichte am Mittwoch strahlte ARTE[wp] am 16. Februar 2011 die vom SWR[wp] produzierte Dokumentation Gladio - Geheimarmeen in Europa (Deutschland 2010, 85 Min.) aus. Die Autoren Frank Gutermuth und Wolfgang Schoen zeichnen die Entstehung von Gladio in Deutschland und Italien nach und beleuchten die Hintergründe des Anschlags von Bologna[wp] und des Oktoberfestattentats[wp].

Künstlerische Verarbeitung

  • Der Drehbuchautor und Schriftsteller Martin Maurer stellte Gladio und die Strategie der Spannung in den Mittelpunkt seines Polit-Thrillers Terror von 2010. Bei der fünf Jahre dauernden Recherche[78] für das Buch, auch in Italien, führte er zahlreiche Video-Interviews mit Experten und Zeitzeugen, z. B. mit Daniele Ganser, dem Rechtsanwalt Werner Dietrich, Karl-Heinz Hoffmann, Ex-Chef einer Wehrsportgruppe und ehemaliger Mit-Verdächtiger des Oktoberfestattentats, und dem Ex-Linksterroristen Michael "Bommi" Baumann[wp], die er begleitend auf einem eigenen Blog[wp] online stellte.[79] Ursprünglich sollte das Material die Basis für einen Fernseh-Dokumentarfilm Maurers bilden, er fand jedoch keine Geldgeber bzw. Produzenten.[78]
  • Der Schriftsteller Wolfgang Schorlau[wp] machte das Oktoberfestattentat und die potenzielle Verstrickung von Gladio zu einem der Themen seines Kriminalromans Das München-Komplott: Denglers fünfter Fall.[80]
  • Xavier Naidoo[wp] singt in seinem Lied Goldwagen/Goldwaagen unter anderem über die Atlantik-Brücke[wp] und Verschwörungstheorien zum 11. September 2001[wp], den Refrain bildet die vielfache Wiederholung des Wortes "Gladio".
  • In dem türkischen Politthriller[wp] Tal der Wölfe – Gladio[wp] von 2009 kommt ein pensionierter türkischer Geheimagent vor Gericht. Er macht daraufhin seine jahrelange Tätigkeit für den türkischen Geheimdienst öffentlich und enthüllt zahlreiche Aktivitäten des so genannten Tiefen Staats[wp].[81]

Literatur

Vorträge

Einzelnachweise

  1. Grande Dizionario Italiano Hoepli im Netz. Lemma: "Gladio".
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  6. 6,0 6,1 6,2 Vorlage:Literatur
  7. 7,0 7,1 Vorlage:Internetquelle
  8. 8,0 8,1 Peter Murtagh, The Rape of Greece. The King, the Colonels, and the Resistance (London, Simon & Schuster, 1994), S.29, zitiert bei Daniele Ganser (2005), p.213
  9. M. Perner: Fremde Heere West - Gladie in Europa. In: Jens Mecklenburg (Hrsg.): Gladio: Die geheime Terrororganisation der NATO. 1997.
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  12. 12,0 12,1 12,2 Vorlage:Literatur
  13. Vorlage:Literatur
  14. Regine Igel: Terrorismus-Lügen. Wie die Stasi im Untergrund agierte. Herbig, München 2012, ISBN 978-3-7766-2698-8
  15. Thomas Auerbach[wp]: Einsatzkommandos an der unbekannten Front, Ch. Links Verlag, 1999, ISBN 978-3-86153-183-8
  16. 16,0 16,1 Vorlage:Literatur
  17. 17,0 17,1 17,2 17,3 17,4 Vorlage:Literatur
  18. 18,0 18,1 18,2 18,3 18,4 18,5 Gunther Latsch: Die dunkle Seite des Westens, in: Der Spiegel. Nr. 15, 2005, S. 48-50
  19. 19,0 19,1 Vorlage:Internetquelle
  20. Vorlage:Literatur
  21. 21,0 21,1 21,2 21,3 21,4 21,5 21,6 21,7 21,8 Vorlage:Literatur
  22. Vorlage:Internetquelle
  23. 23,0 23,1 Daniele Ganser: Die Geheimarmeen der Nato, Neue Zürcher Zeitung am 15. Dezember 2004
  24. Vorlage:Internetquelle
  25. 25,0 25,1 Vorlage:Internetquelle
  26. 26,0 26,1 Vorlage:Literatur
  27. 27,0 27,1 27,2 27,3 Vorlage:Literatur
  28. Im Ernstfall froh, in: Der Spiegel. Nr. 49, 1952, S. 6-7
  29. Timothy Naftali: New Information on Cold War Stay-Behind Operations in Germany and on the Adolf Eichmann Case (PDF; 721 kB). Website der Federation of American Scientists[wp]. 6. Juni 2006
  30. 30,0 30,1 Vorlage:Internetquelle
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  32. 32,0 32,1 32,2 Vorlage:Internetquelle
  33. 33,0 33,1 Jan Friedmann et al.: Die Briefe des Zeugen., Der Spiegel, Heft 37/2010. Der Spiegel schreibt wie andere Medien von einem Todesalter von einem Alter von 38 Jahren. Ferner ist die Angabe des Todesdatums mit "zwei Jahre nach den Vernehmungen" im Spiegel etwa zeitgleich mit dem Ende der Ermittlungen, was der Aussage von U. v. Chaussy im Süddeutsche-Interview oben zum "Tod einige Wochen später" nach den Versuchen, ihn zu einer Änderung der Aussage zu bewegen, nicht unbedingt widerspricht
  34. Rolf Clement et al.: Unterschätzte Gefahr - Rechte Gewalt in Deutschland, Deutschlandfunk, dradio.de, 14. November 2011
  35. Vorlage:Internetquelle
  36. 36,0 36,1 Philipp Gessler: Viele offene Fragen., in: taz am 7. August 2009
  37. 37,0 37,1 37,2 Vorlage:Internetquelle
  38. Vorlage:Internetquelle
  39. 39,0 39,1 39,2 Vorlage:Literatur
  40. Vorlage:Internetquelle
  41. Vorlage:Literatur
  42. 42,0 42,1 Marcus Klöckner: Die RAF und die Geheimdienste. Interview mit Wolfgang Kraushaar. Telepolis, 10. November 2010.
  43. Bommi Baumann: Über die Versorgung der Szene mit Drogen durch Peter Urbach und Parallelen zur Geheimdienst­organisation Gladio. (Interview mit Marc Burth von 2010), Teil 2
  44. Bommi Baumann:Interview mit Marc Burth von 2010, Teil 6
  45. Bommi Baumann: Vollständige sechsteilige Interview-Reihe von Marc Burth von 2010.
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  47. 47,0 47,1 Vorlage:Internetquelle
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  59. Ganser (2005), S. 213-214 (sein Zitat)
  60. Philip Agee, Louis Wolf, Dirty Work: The CIA in Western Europe (Secaucus: Lyle Stuart Inc., 1978), S.154 (Zitiert bei Daniele Ganser (2005) S. 216
  61. Richard Norton-Taylor, "The Gladio File: did fear of communism throw West into the arms of terrorists?", in The Guardian[wp], December 5, 1990
  62. Chronology, Secret Warfare: Operation Gladio and NATO's Stay-Behind Armies, ETH Zürich[wp]
  63. "NATO's secret network 'also operated in France'", The Guardian[wp], 14. Nov. 1990, S.6
  64. Vorlage:Internetquelle
  65. Vorlage:Literatur
  66. Michel Thiel: Bommeleeër-Affäre: Stay behind: kalter Krieg oder kalter Kaffee? In: Luxemburger Wort[wp]. 29. September 2008
  67. Steve Remesch: Bommeleeër-Affäre: Luxemburgs Schattenkämpfer, Der Santer-Bericht zu "Stay behind" zum Nachlesen, in: Luxemburger Wort[wp]. 29. September 2008
  68. Markus Kompa: In Luxemburg kocht Stay Behind hoch., in: Telepolis am 27. Februar 2013
  69. Eidesstattliche Erklärung (PDF; 1,3 MB)
  70. Es war Nato gegen Nato, Tageswoche am 10. April 2004
  71. Bommeleeër: Zeuge Kramer als Lügner entlarvt?, in: Luxemburger Wort[wp] am 13. Mai 2013
  72. Markus Kompa: Skyfall - Zeuge Kramer fällt tief., in: Telepolis am 15. Mai 2013
  73. Vorlage:Internetquelle
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  76. Vorlage:Internetquelle
  77. 77,0 77,1 Vorlage:Literatur
  78. 78,0 78,1 Marcus Klöckner: Von der perversen Logik des Staatsterrorismus. (Interview mit Martin Maurer), Telepolis am 13. Januar 2011
  79. Weblog des fiktiven Kameramanns Marc Burth, der Hauptperson des Buches
  80. Wolfgang Schorlau: Das München-Komplott: Denglers fünfter Fall. Kiepenheuer und Witsch, 2009, ISBN 978-3-462-04132-3
  81. Rüdiger Suchsland: Filmkritik zu Tal der Wölfe 3 - Gladio. arteckock.de, eingesehen am 20. Dezember 2009

Querverweise

Netzverweise


Dieser Artikel basiert auf dem Artikel Gladio (9. Dezember 2013) aus der freien Enzyklopädie Wikipedia. Der Wikipedia-Artikel steht unter der Namensnennung - Nicht-kommerziell - Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 Unported (CC BY-NC-SA 3.0). In der Wikipedia ist eine Liste der Autoren verfügbar, die vor Übernahme in WikiMANNia am Text mitgearbeitet haben.