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Heile-Welt-Naivitätsfehler

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Der Heile-Welt-Naivitätsfehler ...


Wie der Name es bereits sagt, basiert der Heile-Welt-Naivitäts­fehler auf einer bestimmten Form der Naivität[ext], wobei die Wahrnehmung auf subjektiven Theorien basiert, die im Laufe des eigenen Lebens und des persönlichen Sozialisations­prozesses gebildet werden. Dazu kann z. B. die Annahme einer "heilen Welt" gehören, in der - entgegen der Realität - alle Menschen oder besondere Personen­gruppen "gut und wohl gesonnen" sind.

Der Heile-Welt-Naivitäts­fehler stellt eine Verzerrung bzw. Negierung der Realität[ext] bis hin zum Realitäts­verlust[ext] dar und basiert auf bestimmten Menschen­bild­annahmen, die u. a. auf dem Phänomen der Selektiven Wahrnehmung[ext] sowie weiteren Wahrnehmungs­fehlern[ext] basieren. Einer dieser Wahrnehmungs­fehler[wp], der mit dem "Heile-Welt-Naivitäts­fehler" im Zusammenhang steht ist die "Massive externale Fokussierung"[ext].

Von den meisten anderen Wahrnehmungs­fehlern unterscheidet sich der Heile-Welt-Naivitäts­fehler insbesondere dadurch, dass er im Schwerpunkt Menschen betrifft, die durch einen ganz bestimmten Sozialisations­prozess bestimmte Denkmuster und Theorien entwickelt haben. Der "Heile-Welt-Naivitäts­fehler" selbst umschreibt damit lediglich einen bestimmten Auszug der eigentlichen Untersuchung: Die weiteren Erkenntnisse der Social-Cognition-Forschung gehen jedoch noch viel weiter:

Das Gesamtproblem bezieht sich nämlich tatsächlich auf alle Menschen. Der "Heile-Welt-Naivitäts­fehler" stellt nur einen Teil dar. Die Untersuchungen zum Heile-Welt-Naivitäts­fehler konnten jedoch ergänzend heraus­stellen, dass bestimmte Persönlichkeits­typen, Personen­gruppen und Gesellschafts­kreise - allein über den Polarisierungs­effekt und den jeweiligen Fokus der Aufmerksamkeit - noch stärker betroffen bzw. involviert (Involvement[ext]) sind.

Dabei handelt es sich um Menschen mit einem ausgeprägtem Gefühl in Bezug auf die eigene Sicherheit, bei denen die üblichen "Überlebens­motive" weniger stark ausgeprägt sind. Das bezieht sich auch auf geringere "Existenz­ängste". Insbesondere Menschen aus finanziell abgesicherten bzw. wirtschaftlich oder sozial besser gestellten Kreisen und Schichten (z. B. viele Politiker) haben aufgrund Ihrer eigenen subjektiven Erfahrung und ihrer daraus resultierenden selektiven Wahrnehmung und Weltbild­annahme ein sehr naives einseitiges Weltbild entwickelt, das auf eigenen Erfahrungen und Erwartungen basiert, nicht aber der messbaren Realität[ext] entspricht.

Hinzu kommen Persönlichkeiten, die zur Ablenkung (ggf. eigener Probleme oder aus einer Art Langeweile heraus) einen massiven Fokus auf Externes[ext] richten, das sich von ihnen selbst (ihrer Familie, ihrer Ordnung, ihrer Nation, ihrer Staatsbürgerschaft, ihrer Hautfarbe etc.) deutlich abhebt. Je höher die Gegensätze sind, desto höher das Interesse.

Der Heile-Welt-Naivitäts­fehler tritt ebenso bei Menschen aus ganz bestimmten (z. B. politischen, religiösen oder philosophischen) Denk- und Wirkungs­kreisen auf, die bei ihren Wahrnehmungs- und Denk­prozessen intuitiv auf spezielle (einseitige) Informationen zurück­greifen, die im Gehirn gesammelt wurden.

Nicht selten steht der Heile-Welt-Naivitäts­fehler in Verbindung mit so genannter Selbst­ermächtigung[ext] sowie mit Selbst­über­schätzung und Selbst­erhöhung.

Als Beispiel für den Heile-Welt-Naivitäts­fehler seien hier ebenso Menschen (z. B. Politiker) mit einer bestimmten (zumeist einseitigen) politischen Gesinnung[ext] genannt. Dieser Bereich wird aber auch völlig separat untersucht. Dabei handelt es sich um Menschen, die sich z. B. selektiv für bestimmte Gruppierungen bzw. Gesellschafts­gruppen bzw. für die unterstellte Annahme derartiger Gruppen engagieren und eine Art "Lobby" bilden z. B. für bestimmte Berufs­gruppen oder vermeintlich benachteiligte Menschen" (Siehe dazu auch "Stereotype Schutz­bedürfnis­annahme inklusive Aufwertungs- und Abwertungs­effekt), wobei diese Menschen aber alle anderen vernachlässigen, so sogar übergehen. Es erfolgt eine starke Polarisierung.

Beispiel: Ende August 2015 sagte z. B. ein führender SPD-Politiker vor dem Hintergrund von Demonstrationen gegen den stetigen Zuwachs von Asyl­bewerbern vor laufender TV-Kamera: "Jeder Asyl­bewerber, der zu uns kommt, ist mehr Wert als die Deutschen, die jetzt hier dagegen demonstrieren." Vermutlich meinte er mit seiner Aussage rechts­radikale Randalierer oder andere kriminelle Persönlichkeiten - dennoch wird dies (bewusst oder unbewusst) so vermittelt, als beziehe sich das auf alle Menschen, die anders denken bzw. anderer Meinung sind.

Eine derart polarisierende Persönlichkeit "kennt" diese Unterscheidung nicht mehr. Sein Gehirn blendet die Möglichkeit des Vorhanden­seins einer anderen Logik komplett aus, wodurch Meinungen anders­denkender Menschen für ihn keinen Wert (mehr) besitzen. Vielmehr: Derartige Meinungen werden bereits als Meinung kriminalisiert. Die Wirkung des Effektes ist derart stark, dass selbst rechts­bewusste Persönlichkeiten aufgrund ihrer "fixen Idee"[ext] (oder gar eines "Wahns"[ext]) ausblenden, dass es z. B. ein Recht auf freie Meinungs­äußerung gibt.

Menschen, die dem Effekt unterlegen, gehen sogar so weit, dass ihr Streben dahin tendiert, der eigenen subjektiven Auffassung wider­sprechende (als widersprüchlich erscheinende) Rechte abzuschaffen oder um­zu­interpretieren. Hier wirkt der Effekt der selbst­wert­dienlichen Verzerrung[ext] bzw. der Effekt der kognitiven Dissonanz-Reduktion[ext].

Diese selektive Wahrnehmung und Urteils­bildung, die aus dem Heile-Welt-Naivitäts­fehler herrührt, führt zu einer Wahrnehmung, die von außen betrachtet, geradewegs "schizophren" anmuten kann - auch das Ausmaß der Selbst­ermächtigung[ext].

Die Denkweisen des früheren Hochadels (insbesondere im 18. Jahrhundert) gelten hierfür als Beispiel. Als typisches Beispiel sei hier eine Aussage der absolutistischen französischen Königin Marie Antoinette[wp] (1755 - 1793) genannt. Als man ihr - der Überlieferung nach Jean-Jacques Rousseau[wp] entsprechend - mitteilte, dass das einfache Volk Hunger leide, soll sie gesagt haben: "Wenn sie kein Brot haben, sollen sie doch Kuchen (bzw. Stuten) essen."

"Es ist eine Tatsache, die mir in meiner praktischen Arbeit immer wieder über­wältigend entgegentritt, dass der Mensch nahezu unfähig ist, einen anderen Standpunkt als seinen eigenen zu begreifen und gelten zu lassen."
(C.G. Jung[wp], Psycho­analytiker und Zeitgenosse von Sigmund Freud[wp])

Wie andere Menschen, die dem Heile-Welt-Naivitäts­fehler unterliegen, so hatte auch Marie Antoinette ihren ganz eigenen Sozialisations­prozess durchlaufen, den sie selbst kurz vor ihrer Hinrichtung nicht ablegen konnte. Ihre letzten Worte am 16.10.1793 zu ihrem Henker, dem sie aus Versehen auf den Fuß getreten war: "Mein Herr, ich bitte Sie um Verzeihung, ich tat es nicht mit Absicht."

Was hier ggf. etwas schrill anmuten mag, ist jedoch jedem Menschen zu eigen, der ganz bestimmte subjektive Theorien verfolgt, die ihm über einen bestimmten Sozialisations­prozess zu eigen geworden sind. Derartige Wahrnehmungs- und Denk­muster können - ähnlich wie bei einem Wahn - selbst leider weder erkannt noch hinterfragt werden wie dies bei überbewerteten (überwertigen) fixen Ideen noch möglich ist. Erst kurz vor ihrer Hinrichtung erlangte Marie Antoinette eine realistischere Sicht der Dinge, schließlich ging es jetzt auch bei ihr um die nackte Existenz. Sie soll gesagt haben: "Erst im tiefen Leid erkennt man, wer man wirklich ist."

Woher kommt die Bezeichnung "Heile-Welt-Naivitäts­fehler"? Oft haben Menschen, die dem Heile-Welt-Naivitäts­fehler unterliegen, einen regelrechten Hang zum naiven Glauben an ein "heiles Weltbild", das z. B. die Annahme einschließt, die meisten Menschen bzw. andere seien gut, ehrlich, harmlos etc. Dies führt dazu, dass negative Aspekte, Bedrohungen, Gefahren etc. zur Aufrechterhaltung der eigenen Realität bzw. des eigenen Selbstwertes einfach übersehen, uminterpretiert, klein gedacht, weggedacht oder sogar negiert werden. Es handelt sich folglich um eine künstliche Richtig­stellung der subjektiven "Realität" und damit um eine Verzerrung der Realität.

Auf das einzelne Individuum hin betrachtet, kann der Heile-Welt-Naivitäts­fehler eine sehr positive Seite haben. Genau so ist der Effekt nämlich von der Natur auch gewollt. Er dient der gehirn­ökonomischen Vereinfachung zwecks schnellen Handelns insbesondere in Bezug auf Gruppen (z. B. schnelle und nachhaltige Freund-Feind-Erkennung. Auch dient er - zumeist unbewusst - der Aufrecht­erhaltung des eigenen Selbst- und Weltbildes, selbst wenn das Weltbild eben nicht der Realität entspricht.Das Gefühl bleibt zumindest erhalten und das Selbstbild findet entsprechende Bestätigung. Was in früheren Tagen (z. B. in der Steinzeit noch sehr sinnvoll und sogar über­lebens­wichtig war) ist in der heutigen modernen Zivilisations­gesellschaft jedoch arg bedenklich und - angesichts moderner Strukturen, Mittel und Waffen - zugleich sehr gefährlich.

Es besteht die Gefahr der Begünstigung negativer Strömungs­einflüsse sowie die Gefahr der Bekämpfung bestimmter Personen­gruppen (z. B. "das internationale Judentum" im Dritten Reich, die Aufnötigung vermeintlicher "Politischer Korrektheit" und moralischer Werte, die erneute Unterdrückung und Bekämpfung Andersdenkender).

Die aus dem Wahrnehmungs­fehler resultierende Verzerrung (zumeist in Form von "Verdrängung der Realität", von "Schönreden" und "Polarisieren") führt zugleich zur Stärkung negativer Strömungen, die sich weiter entwickeln können, gestärkt werden und letztendlich selbst jene Gruppen unterwandern und zerstören, die der "naive" "Heile-Welt-Mensch" eigentlich selbst stärken will. Selbst wenn um einen herum gelogen, betrogen und gemordet wird, nehmen Menschen, die dem Heile-Welt-Naivitäts­fehler unterliegen, dies nur bedingt oder sehr einseitig (z. B. zu Gunsten der Täter bzw. bestimmter Täterkreise) wahr.

Darüber hinaus neigen sie dazu, Täter bzw. negative Strömungen insbesondere dann zu verharmlosen oder zu entschuldigen, wenn diese aus bestimmten kulturellen und/oder religiösen und/oder sozialen Gruppen stammen (die dem eigenen Weltbild nach schwächer erscheinen), selbst wenn es sich nachweislich lediglich nur um die rein phantastische Annahme handelt, dass diese zu einer derartigen Gruppe zu zählen sind. Es besteht die unbegründete Angst besteht, diese Menschen durch bestimmte Maßnahmen zu diskriminieren. Gleichzeitig erfolgt aber eine direkte oder indirekte Diskriminierung jener Menschen, die eben nicht von der naiven Heile-Welt-Theorie ausgehen.

Dadurch treten Maßstabsfehler wie z. B. der Milde-Effekt[wp] (Leniency-Effekt), der |Großzügigkeits­fehler (Generosity error) oder die Tendenz zur Mitte (Fehler der zentralen Tendenz) in Kraft, insbesondere dann, wenn ein indirektes Ego-Involvement[ext] oder ein politisches Involvement (bewusst oder unbewusst) vorliegt. Dies führt dann dazu, dass der Beobachter bzw. Beurteiler eine zu beurteilende Person oder Personen­gruppe positiver bewertet, als sie objektiv gemessen ist.

Der Effekt steht im Zusammenhang mit vielen weiteren Wahrnehmungs­fehlern: Dazu zählen sehr subjektiven Menschen­bild­annahmen, Kontrast­fehler (wobei der Beobachter bzw. Beurteiler fälschlicherweise annimmt, andere Menschen seien gleichgeartet wie er selbst), Projektions­fehler (bei dem eigene Einstellungen, Ansichten, Erfahrungen, Motive etc. in andere hinein­zu­projiziert werden und quasi von sich selbst auf andere geschlossen wird).

Maßstabs- und Skalierungs­fehler z. B. bei der Verfälschung, Um­interpretierung oder Auslegung von Statistiken können ebenso mitspielen wie Konformitäts­druck, wobei man bestrebt ist, sich möglichst gruppen­konform zu verhalten, was sich hier jedoch selektiv auf eher einseitige Gruppen bezieht.

Eine ebenso wichtige Rolle spielt der Social-Cognition-Effekt, schließlich geht man naiv davon aus, dass man sich und seine Umwelt (trotz subjektiver bzw. einseitiger Sicht) realistisch und richtig einschätzt. Bei der Beobachtung und Wahrnehmung setzt der Mensch daher gezielt kognitive Ressourcen ein, um die ihm zur Verfügung stehenden Informationen so zu ordnen und zu interpretieren, dass sie seiner eigenen Logik möglichst nicht widersprechen. Das kann schlimmstenfalls dazu führen, dass Täter (z. B. Kriminelle) entschuldigt oder sogar hofiert werden und sich die der Unmut, die Ablehnung oder der Zorn sogar gegen diejenigen wendet, die es zur Aufgabe haben, Täter zu suchen, zu finden, zu verurteilen und vor ihnen zu warnen.

Weitere Beispiele

a) GSG-9-Einsatz in Bad Kleinen am 27. Juni 1993, bei dem die RAF-Mitglieder Birgit Hogefeld[wp] und Wolfgang Grams[wp] im mecklenburgischen Bad Kleinen festgenommen werden sollten. Die Festnahme von Birgit Hogefeld verlief zwar "erfolgreich", aber eben nicht für die Terroristen: Bei dem anschließenden Feuergefecht kamen Wolfgang Grams und der GSG-9-Beamte Michael Newrzella ums Leben. An Stelle des Erfolges wurden vielmehr die Polizisten öffentlich "in die Mangel" genommen, die sich als "Täter" rechtfertigen mussten, warum sie die Terroristen getötet haben. Die Tötung der Terroristen im Einsatz wurde hier mit einer "Ermordung" gleichgesetzt.

b) Geiselnahme von Gladbeck - auch bekannt als Gladbecker Geiseldrama[wp] - im August 1988, in dessen Verlauf drei Menschen starben. Die Täter Dieter Degowski und Hans-Jürgen Rösner überfielen am 16. August 1988 die Filiale der Deutschen Bank im nordrhein-westfälischen Gladbeck, nahmen im Anschluss daran mehrmals ungehindert Geiseln und flüchteten mit ihnen zwei Tage lang ebenso ungehindert durch Deutschland und die Niederlande. Die Geiselnahme endete am 18. August 1988 in einer umstrittenen Polizei­aktion auf der A3 bei Bad Honnef. Während der Flucht erschoss Degowski den 15-jährigen Emanuele De Giorgi und bei der Verfolgung in den Niederlande kam ein Polizist ums Leben. Eine zweite Geisel, die 18-jährige Silke Bischoff, starb während der abschließenden Polizei­aktion auf der Autobahn. In den entführten Bus stiegen begeisterte Journalisten ein, fuhren die meiste Zeit im Flucht­fahrzeug mit und behinderten die Polizei­arbeit in erheblichem Maße. Kritisiert wurde jedoch überwiegend die Polizei, der sogar der tödliche Schuss unterstellt wurde, obgleich dieser nachweislich aus der Waffe Rösners stammt.

c) Selbst friedliche Demonstrationen gegen radikale islamistische Bestrebungen im Jahre 2014 und 2015 werden kriminalisiert, die Tatsachen umgekehrt (Umkehr) und ohne echte demokratische Hinter­fragung unmittelbar in die rechts­radikale Ecke gedrängt, wobei die Demonstranten direkt oder indirekt als "Nazis" dargestellt werden (Stereotype), obgleich kein direkter Zusammenhang besteht oder zumindest nicht nachgewiesen ist. Zusätzlich werden die Demonstranten als Minderheit dargestellt und Gegen­demonstranten als Mehrheit.

Der Islamismus wird selbst gegen die Auffassung von Islamismus-Forschern und Augen­zeugen eher generalisiert in die positive Richtung ausgelegt und öffentlich geäußerte Gegen­stimmen aus Fachkreisen (auch von Polizei­organen und Polizei­gewerkschaft) tendenziell unterdrückt bzw. zurück­gehalten. Es sind Bestrebungen zu beobachten, die Ängste der Bürger zu verdrängen oder zu negieren.

Ebenso kann beobachtet werden, dass die Gefahr von Anschlägen und sonstigen Auswirkungen herunter­gespielt wird, nicht nur um Ängste zu lindern und Aufruhr zu vermeiden, sondern auch um das naive Heile-Welt-Bild weitestgehend aufrecht­zu­erhalten, selbst dann, wenn es bröckelt. Hier wirkt auch die Angst, sich durch offene Äußerung unbequemer Meinungen ein spezielles oder gar negatives Image zugeschrieben zu bekommen.

d) Der gleiche Effekt führte dazu, dass sich der Nationalsozialismus, der ursprünglich durch eine eher verfolgte Minderheit vertreten wurde, schließlich gegen die Stimmen vieler (der meisten anderen) durchsetzen (durchmogeln) konnte und schließlich zur Politik und Ideologie der Masse wurde (Anpassung und Unter­drückung).

Der starke Beliebtheitsfaktor bei einer kleinen gesellschaftlichen Gruppe führte im Zusammenspiel mit Ängsten und bestimmten Erwartungen, natürlich auch mit Hilfe der Propaganda, der Medien und populärer Fürsprecher und Vorbilder (bzw. Schein­vorbilder wie etwa der populäre Erste-Weltkriegs-Veteran Hindenburg) zur Umkehr der voraus­gegangenen Logik. Dies sogar, obgleich Hitlers wahre Intentionen sogar in seinem sehr früh veröffentlichtem Buch "Mein Kampf" Wort für Wort nachzulesen waren.

Nach Zusammenbruch des Dritten Reiches wollten fast alle Menschen und Handelnden dagegen gewesen sein und nichts gewusst haben: Dies war nicht nur reiner Vorwand, sondern erfolgte auch auf der Grundlage diverser Beurteilungs- und Wahrnehmungs­fehler[ext], bei denen die Erinnerung im Nachhinein stark verzerrt wird, um das eigene Selbstbild zu schützen und kognitive Dissonanzen zu bekämpfen.

e) Selbst im Militärwesen wirkt der Heile-Welt-Naivitäts­fehler z. B. wenn Befehls­haber oder hohe Offiziere davon ausgehen, es könne ihnen und/oder ihrer Truppe (selbst bei objektiv vorliegenden anders gearteten Situationen oder Kräfte­verhältnissen nichts passieren. Beispiel: Französische Ritterschaft bei Agincourt am 25. Oktober 1415 mit der Folge, dass das viel größere und stärkere französische Ritterheer von einem viel kleineren und qualitativ schwächerem englischen Heer vernichtend geschlagen wurde, weil sich die Franzosen zu selbstsicher bzw. selbst­verständlich verhielten.

Ein weiteres militärisches Beispiel stellt General George Armstrong Custers[wp] Einschätzung der Sachlage und sein Verhalten in der Schlacht am Little Bighorn am 25. Juni 1876 dar. Hier wurde das 7. US-Kavallerie­regiment von Indianern der Lakota-Sioux, Arapaho und Cheyenne vernichtend geschlagen bzw. völlig aufgerieben. Die Niederlage ist der falschen Wahrnehmung und daraus resultierenden falschen Lage­einschätzung Custers zuzuschreiben, der seine konzertierte Kampfkraft waghalsig schwächte und viel zu selbstsicher dachte und handelte, ähnlich wie z. B. Hitler dies tat bzw. seiner Generalität regelmäßig anordnete. Selbst wenn er die Nachricht erhielt, der Gegner sei übermächtig und die eigene Armee zu stark geschwächt oder sogar kurz vor der völligen Aufreibung, befahl er mit hoher Sieges­gewissheit Durchhalten oder sogar Angriff.

Aber bereits Hitlers und Custers Auffassung selbst entsprach dem Heile-Welt-Naivitäts­fehler, schließlich gingen beide von bestimmen kulturellen Idealen aus und polarisierten und verzerrten das entsprechende Freund-Feind-Bild (die überlegene "weiße" bzw. "arische" Rasse gegen den "bösen Indianer", den "bösen Bolschewismus" und das böse "Weltjudentum").

f) Der Fehler tritt auch bei Coaches auf, die bestrebt sind, ausschließlich Klienten zentriert zu arbeiten, wobei unangenehme Wahrheiten, schwerwiegende Persönlichkeits­defizite oder Persönlichkeits­störungen, Umwelt­einflüsse und schwerwiegende Abhängigkeits­verhältnisse, die ggf. sehr offenkundig und nicht zu leugnen sind, entweder verharmlost, außen vor gehalten oder nicht offen und ehrlich angesprochen werden (Falsches Feedback, Verharmlosung, Weglassen von Informationen, übertrieben positives und visionäres Denken)

Ergänzungen (zu den Beispielen) von der Sozial­wissen­schaftlerin, Politologin und Extremismus-Expertin Meral Bayuk:

"Wenn wir Profile von Attentätern mit radikal fundamentalistischen Tendenzen analysieren, kann man folgendes feststellen: Die Entschuldigung, dass z. B. die Attentate des 11. Septembers nur auf einzelne Individuen gerichtet sind und keine religiös motivierte Absicht dahinter steckt, ist aus heutiger Sicht falsch interpretiert. Auch, dass der radikale Wandel von Personen nur deshalb vollzogen wurde, weil die Personen aus einem instabilen familiären Umfeld bzw. Milieu stammen, ist keine Erklärung für diese Taten. Die Täter vom 11. September hatten einen hohen Bildungs­stand und sie wurden in Deutschland sozialisiert. Der Stereotyp eines radikalen jungen, ungebildeten und von der Gesellschaft isolierten Terroristen wird schnell als die Ursache für seine persönlich motivierte Handlungsweise erklärt. Der so genannte 'Einsamer Wolf'-Typ lässt sich nicht belegen, weil die Taten selber durch und durch systematisch durch­organisiert, geplant und koordiniert sind. Der an eine heile Welt glaubende Wahrnehmende tendiert jedoch dazu, systematische Organisationen zu verdrängen und dies als Außenseiter-Bereich zu erklären."

Der Politikwissenschaftler Samuel Huntington[wp] hat es in seinem Buch "clash of civilizations" auf dem Punkt gebracht: Mit dem Ende des kalten Krieges konnten sich neue Formen der Gewaltsamkeit bilden und sich geografisch verlagern. Mit dem Umbruch des Ost-West Konfliktes kommt es immer wieder zu regionalen Kriegen und somit zur Wieder­erstarken des Islams (Neo-Islam). Auch im aktuellen Fall von Paris betont Ayaan Hirsi Ali[wp], eine Politik­wissen­schaftlerin, dass dieser Konflikt direkt etwas mit dem Islam zu tun hat. Tatsächlich gebe es z. B. im Koran zahlreiche Koranverse, die eine klare Gewaltdoktrin beinhalten und z. B. zum Mord an so genannten Ungläubigen aufruft. Dies wird jedoch von Menschen, die z. B. dem Heile-Welt-Fehler unterliegen, gerne verdrängt und/oder zumindest umgedeutet. Ayaan Hirsi Ali stützt Ihre These z. B. durch eine Analyse des pakistanischen Generals Malik. Malik kam z. B. zu der Erkenntnis, dass der Schlüssel zum Sieg die Verbundenheit zu Allah und seinem Propheten Mohammed ist. Aus seiner Sicht, sei der Terror die legitimste Form, die mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln ihren Zweck erfüllt und letztendlich ihr Ziel erreicht.

Die Verdrängung von Tatsachen durch den Heile-Welt-Fehler führt dazu, dass Tatsachen und gesellschaftliche Missstände nicht offen ausgesprochen und sachlich diskutiert werden. Stattdessen kommt es zu einem Vermeidungs­verhalten und zu Ängsten, sich kritisch zu äußern z. B. um auf religiöse Gefühle Rücksicht zu nehmen. Ayaan Hirsi Ali: "Denn die Seele des Westens ist der Glaube an Gewissens- und Meinungs­freiheit. Es ist die Freiheit, unsere Sorgen auszusprechen, die Freiheit anzubeten wen wir wollen oder nicht wollen." Der Heile-Welt-Naivitäts­fehler führt jedoch schnell zum Gegenteil."

"Wir sollten unseren Kindern nicht vorgaukeln, die Welt sei heil.
Aber wir sollten in ihnen die Zuversicht wecken, dass die Welt nicht unheilbar ist."
(Johannes Rau[wp] (1931-2006), ehemaliger Ministerpräsident von NRW und Deutscher Bundespräsident)

Weitere Zusammenhänge

Ein Zusammenhang besteht auch mit dem Wahrnehmungs­fehler aufgrund falscher Grund­annahmen (gesellschaftliche Erwartungen und Manipulationen). Das menschliche Denken und Handeln basiert auf unzähligen und teilweise sehr naiven Fehl­annahmen, die sich zu regelrechten "Wahrheiten", "Überzeugungen"[ext] und "Glaubens­sätzen"[ext] manifestieren.

Aus diesen Glaubenssätzen manifestiert sich unsere Erwartung und damit auch unsere Erfüllung oder Nicht-Erfüllung bzw. die Bestätigung unserer Erwartung (Psychol.: Erwartungs­fehler[ext]). Dies führt zu vielen Beobachtungs-, Beurteilungs- und Wahrnehmungs­fehlern[ext] auf denen dann alle neuen Erkenntnisse basieren. Die Basis auf der wir wahrnehmen und wirken bzw. das, was wir als "Erkenntnis" ansehen, ist Wirklichkeit häufig falsch und in der Realität aberwitziger Irrsinn, nach dem wir jedoch handeln oder handeln müssen... (Detail-Infos[ext])

Weitere Wahrnehmungsfehler, die mit dem Heile-Welt-Naivitäts­fehler in Verbindung stehen

Stereotype Schutzbedürfnis-Annahme
(inkl. Aufwertungs- und Abwertungs-Effekt) In der Bewertung von Menschen in ihren unterschiedlichen Rollen sowie von Sachverhalten in Bezug auf bestimmte Menschen und ihre Rollen, verschieben Menschen (vorrangig mit einem bestimmten Persönlichkeits­typus, der dem Heile-Welt-Naivitäts­schema entspricht) ihre subjektive Bewertungs-Skala auf Basis stereotyper Annahmen[ext] zugunsten bestimmter Stereotype[ext] (Bevorzugung) - gleichzeitig automatisch aber auch zu Ungunsten (Ablehnung) anderer Stereotype.

Insgesamt entsteht dadurch eine Übervorteilung eines bestimmten Stereotyps, wobei nicht nur die Anwesenheit, sondern bereits allein die Vorstellung eines Stereotyps ausreicht. Hinzu kommt, dass die Verschiebung der Skalierung sowie die darauf basierenden Urteile und Entscheidungen unabhängig von den tatsächlich vorliegenden objektiven Tatsachen und Umständen erfolgt.

Entsprechende Experimente zeigten, dass (bestimmte) Menschen (unter bestimmten Voraussetzungen) ganz klar Partei für jene Menschen ergreifen, denen sie ein Schutz­bedürfnis unterstellen, obgleich dies objektiv nicht vorliegt. Dabei kommt es zu derart starken Verzerrungen, dass die Tatsachen völlig verdreht werden.

In einem Experiment wurde ein vermeintlicher Straftäter (= negativ, böse, gefährlich) von vermeintlichen Ordnungs­kräften (= positiv, Helfer, gut) sichtbar gestellt und höflich gebeten, sich auszuweisen. Der vermeintliche Straftäter forderte die umstehenden Personen auf, ihm zu helfen (Hilferuf = Schutz­bedürfnis). Ein großer Teil der Beobachter folgte diesem Aufruf, wodurch die Tatsachen-Verhältnisse völlig umgekehrt wurden. Die Ordnungs­kräfte wurden abgedrängt, verbal angegriffen oder festgehalten).

Auch andere Reize führten zu der Wahrnehmung des vermeintlichen Schutzbedürfnisses (weibliches Geschlecht versus Mann, optisch sozial-ökonomisch schwach wirkend gegen Uniform, schwächelnde Körperhaltung und Bewegungen versus aufrechte Haltung und stabile Körper­proportionen, Mensch mit anderer Hautfarbe versus hellhäutig, einer versus zwei). Stets wurde die Gegenseite am Walten von Recht und Ordnung gehindert oder zumindest eingeschränkt. Die Versuchs­personen beschrieben Gefühle wie "Mitleid" und auf der anderen Seite "Wut", jedoch nie nach geltenden logischen Prinzipien.

Ein anderes Experiment, in dem fiktive rechtliche Entscheidungen getroffen werden sollten, zeigte, dass die Urteile stets zu Gunsten der Stereotype erfolgte, welche die Versuchspersonen von ihrer Persönlichkeit her für subjektiv schutzbedürftig hielten. Das Urteil richtete sich stattdessen gegen die vermeintlichen Kläger/Ankläger. Selbst der Mörder eines vermeintlich älteren Herren wurde für unschuldig erklärt. Der experimentellen Fallbeschreibung war der vermeintliche Täter ein vermeintlicher Jugendlicher vermeintlich ethnischer Abstammung, der älteren Herrn wurden vermeintlich rassistische Äußerungen unterstellt.

KK-Fehler / Kaiser-Fehler
Vom Wortlaut her ist der Kaiser-Fehler (KK-Fehler = Kaisers-Kleider-Fehler) angelehnt an das Märchen "Des Kaisers neue Kleider". Das besagte Märchen von Hans Christian Andersen[wp] handelt von einem Kaiser, der sich von zwei Betrügern für viel Geld neue Gewänder weben lässt. Man macht ihm weis, die Kleider könnten nur von Personen gesehen werden, die ihres Amtes würdig und nicht dumm seien. Tatsächlich geben die Betrüger jedoch nur vor, zu weben. Dass der Kaiser die Kleider nicht sehen kann, weil diese gar nicht da sind, gibt er nicht zu - und auch die Menschen seines Hofstaates geben ihre Begeisterung über die scheinbar schönen Stoffe lediglich vor.

Die Geschichte vom Schalksnarr Till Eulenspiegel[wp] im Marburger Schloss ist ähnlich. Das Phänomen, über das bereits uralte Geschichten - sowohl mit Schalk im Nacken - als auch mit warnender Botschaft - berichteten, ist nichts anderes als die beispielhafte Beschreibung dessen, was man in der Psychologie einen Wahrnehmungs­fehler nennt. Der "Kaiser-Fehler" stellt geradewegs ein buntes Potpourri bzw. das Zusammenspiel mehrerer Wahrnehmungs­fehler und Effekte dar. Naivität, Glaube und Erwartungen spielen hier ebenso eine Rolle wie der Effekt der "Sozialen Wahrnehmung"[ext], der Selbstwert-Effekt und weitere Wahrnehmungs­fehler, denen wir Menschen generell unterliegen - und bestimmte Persönlichkeits­typen ganz besonders.

Moderne Experimente, in denen z. B. vermeintliche "Kunstwerke" beschrieben und bewertet werden sollten, obwohl es sich dabei lediglich um Farbkleckse ohne jeglichen Sinngehalt oder um wertlose Alltags­gegenstände (aus dem Müll) handelte, zeigten, dass die Versuchs­personen unter bestimmten vorliegenden Voraussetzungen und Bedingungen (bestimmter Persönlichkeitstyp ähnlich wie beim "Heile-Welt-Naivitäts­fehler" + Nennung "Kunst") die gezeigten sinn- und wertlosen Gegenständen mit phantastischen Zuschreibungen belegten.

Zusätzlich erfolgten sehr hohe Wert­zu­schreibungen, die wesentlich höher lagen als bei der Kontrollgruppe, denen echte wertvolle Gegenstände gezeigt wurden. Die Versuchs­personen (mit dem besagten Persönlichkeits­typus) schrieben den Klecksen und Gegen­ständen besondere künstlerische Intention zu und beschrieben das, was der Künstler angeblich bzw. vermutlich damit gemeint haben könnte bzw. zum Ausdruck bringen will. Selbst eine tote Fliege wurde interpretiert und überbewertet.

Dem vermeintlichen Künstler wurde "hohe Kunst" zugeschrieben, ja sogar ein regelrechter Genius unterstellt, während eine andere Gruppe (Menschen, die vom Typ her nicht dem Heile-Welts-Naivitäts-Persönlichkeits-Schema entsprechen) lediglich das beschrieben, was sie sahen: Eine tote Fliege, Kleckse, wertlose Gegenstände oder regelrechten Müll bzw. Abfall.

Die Erkenntnis der Sozialpsychologie

Es geht aber nicht nur um Wahrnehmungs­fehler und -effekte, denen schwer­punkt­mäßig lediglich bzw. vorrangig bestimmte Persönlichkeits­typen oder bestimmte Gesellschafts­gruppen verfallen: Tatsächlich wirken derartige Wahrnehmungs­verzerrungen bei allen Menschen - unabhängig von sozialer bzw. sozio­ökonomischer Schicht, Intelligenz und Bildung. Dies zeigen die Erkenntnisse der Social-Cognition-Forschung.

Folglich stellen Phänomene wie der "Heile-Welt-Naivitäts­fehler", der "Kaiser-Effekt" bzw. "Kaisers-Kleider-Effekt" und die stereotype Schutz­bedürfnis­annahme (inkl. Aufwertungs- und Abwertungs­effekt) auszugsweise lediglich ein Detail-Problem dar, das in Wirklichkeit aber alle Menschen bzw. die komplette Gesellschaft betrifft - und eben nicht nur ausschließlich Menschen mit naiven Vorstellungen z. B. von einer heilen Welt oder zum Schutze vermeintlich hilfs­bedürftiger Menschen usw.

Das gesellschaftliche Problem, das aus dem Phänomen resultiert

Nun mag man sich denken: "Wer so naiv ist, Abfall als Kunst anzuerkennen, wer Straftätern hilft und die Ordnungs­hüter bestraft, ist einfach nur dumm und schadet sich letztendlich selbst." Wer so denkt, verkennt die Gefahr des Problems, denn die Menschen sind nicht dumm (viele sind Akademiker) und den Schaden erleiden oft viele andere Menschen: Z. B. wenn Politiker derart naive Maßnahmen an den Tag legen, dass dies letztendlich die Bürger betrifft. Selbst in kleineren Gruppen (z. B. Unternehmen, Arbeits­teams, Verein, Schule, Klassen­gemein­schaft, Familie) leiden und/oder haften stets die anderen mit, wenn sich eine Clique etwas ausdenkt und ausheckt.

Jetzt mag man ebenfalls denken: "Es gibt doch Menschen, die solch einen Irrsinn erkennen und bestrebt sind, solch einen Wahnsinn zu stoppen." Weit gefehlt: In Wirklichkeit ist das besagte Phänomen ein regelrechter Selbst­läufer - dazu ein sehr gefährlicher: Es gibt nämlich nur sehr wenige Menschen, die dies leisten. Und die bekommen zumeist arge Probleme in der jeweiligen Gruppe. Oft scheitert allein der Versuch bereits im Ansatz.

Monty Pythons[wp] Filmklassiker "Das Leben des Brian"[wp] zeigt dies sehr schön in einer bekannten Szene: Brian, der mit dem Messias verwechselt und unfreiwillig verehrt wird, versucht die ihm umjubelnde Volksmenge loszuwerden, in dem sie davon zu überzeugen versucht, dass sie eigentlich gar keinen Messias brauche. Er ruft Ihnen zu: "Ihr seid doch alle Individuen!". Das Volk antwortet ihm im Chor: "Ja, wir sind alle Individuen!" Lediglich einer widerspricht. Er wirkt im Film recht piepsig: Er sagt: "Ich nicht." Damit zeigt er nicht nur, dass er den Logik­fehler erkannt hat, sondern auch, dass er anscheinend der Einzige ist, der wirklich selbstständig denkt.

Genau dieses Phänomen ist aber nach der Erkenntnis der Sozial­psychologie keine Seltenheit, sondern eher die Regel. Auch wenn es dem eigenen Bild des Menschen von sich selbst (Selbstbild) widerspricht: Tatsächlich ist die menschliche Grund­konstitution nicht darauf ausgelegt, alleine für sich zu denken und zu handeln. Die Orientierung an der Gruppe ist tief in uns verwurzelt, ja sogar ein Grundbedürfnis. Das Streben nach Gemeinschaft und sozialer Nähe ist ebenso tief in uns verankert wie das Streben nach Anerkennung und Über­einkunft. Das ist zugleich der Grund, warum wir zumeist genau das gut finden, was auch andere gut finden. Daher gehen wir - bis auf verhältnismäßig geringe Ausnahmen - zumeist dort einkaufen, wo auch andere einkaufen, selbst dann wenn es woanders ggf. besser und günstiger ist.

Teilweise nimmt dies sogar schizophren anmutende Ausmaße an, die - obwohl psychologische Untersuchungen es längst bewiesen haben - die Menschen selbst in der Regel natürlich abstreiten werden: So gehen wir z. B. nicht etwa dort essen, wo es uns am besten schmeckt (Geschmack selbst ist subjektiv und abhängig von Faktoren, die sich zumeist nur im Kopf abspielen), sondern dort, wo die meisten Menschen sind (bzw. bereits sitzen und essen) oder uns andere das Essen wärmstens empfehlen.

Untersuchungen haben aufgezeigt, dass sogar bereits die reine Vorstellung über solche Zusammen­hänge ausreicht. Das bedeutet zugleich: Im Zweifelsfall denken wir genau das, was andere denken. Das Bedürfnis, sich an der Meinung anderer zu orientieren ist extrem stark ausgeprägt. Sofern diese vermeintliche Meinung der anderen jetzt noch durch bestimmte Medien bzw. Medien­berichte gestützt oder gelenkt und/oder kanalisiert wird, ist es um das selbstständige Denken des Individuums geschehen.

Der Effekt wirkt sogar bei jenen Menschen, die davon überzeugt sind, dass sie selbst unmanipulierbar sind und eine feste eigene Meinung besitzen. Zugleich ist dies der Grund, warum kaum einer gegen die Meinung der Gruppe aufbegehrt, selbst wenn diese Meinung nur allzu unlogisch, falsch oder gefährlich ist. Genau so konnten sich politisch-ideologische Bewegungen wie z. B. der National­sozialismus durch­setzen und Systeme wir das "Dritte Reich" bis zuletzt so lange halten.

Anschließend sind die Menschen entweder über ihr eigenes Verhalten erschrocken oder immer noch in ihrer Meinung festigt, zumindest so lange bis sich langsam wieder eine andere Mehrheit findet, der man sich bewusst oder unbewusst anschließt und ihre Normen, Werte und Moral übernimmt. Zugleich ist dies aber auch der Grund, warum wir immer (erst) anschließend jene Menschen bewundern und als wahre Helden feiern (z. B. die Geschwister Scholl oder Claus Schenk Graf von Stauffenberg[wp], Galileo Galilei[wp], Nelson Mandela[wp], Martin Luther King[wp]), die auch unter extrem schwierigen Umständen ihrem Gewissen folgten, gegen die breite Masse aufbegehrten und entsprechenden Widerstand leisteten.

Was die meisten vergessen: Vorher galten derartige Menschen als Aufrührer, Verbrecher, Terroristen und Ketzer - und zwar bei den meisten anderen - in vielen Fällen sogar bei fast allen anderen. Dargestellt werden derartige Helden der Geschichte immer so, als hätten sie im Sinne der meisten Menschen gehandelt. Diese "meisten Menschen" dachten vorher aber genau anders herum. Ein wirkliches Erkennen der vorausgegangenen Torheit ist es nicht wirklich. Die Menschen schließen sich anschließend einfach aus den unter­schiedlichsten Beweg­gründen (Streben nach Anerkennung, Streben nach Übereinkunft, Ängste und Hemmungen etc.) der neuen Meinung an. Der Hauptgrund ist der Effekt der Sozialen Wahrnehmung (Social Cognition Effect)[ext].

"Social Cognition" beschreibt ein extrem einflussreiches Grundlagen­gebiet der Sozial­psychologie. Hier geht es überwiegend darum, wie sozial relevante Informationen wahrgenommen, abgespeichert (enkodiert), organisiert und abgerufen werden und wie sie Prozesse des Urteilens und der Entscheidungs­findung in sozialen Situationen beeinflussen. Die Sozial­psychologie findet hier eine große Überschneidung mit der Einstellungs-, Attributions- und Wahrnehmungs­forschung, ebenso mit der modernen Gehirn­forschung und der Gedächtnis­forschung.

In diesem Zusammenhang gilt es zu beachten, dass für die Wahrnehmung von Menschen (Personen­wahr­nehmung) eben nicht nur Reize verantwortlich sind, sondern auch entsprechendes Vorwissen (bewusst und unbewusst abgespeicherte Daten in unserem Gehirn, auf die wir bei Urteils- und Entscheidungs­prozesse zumeist intuitiv/unbewusst zurück­greifen). Ein bekanntes Experiment ist das von Solomon Asch[wp]: Indem er nur eine von sieben Attribute einer Personen­beschreibung änderte, erzeugte er bei den Versuchs­personen sehr unterschiedliche Eindrücke. Dass dies alles zumeist unbewusst abläuft, zeigt unter anderem John A. Bargh von der New York University in seinem Artikel "The unbearable automaticity of being" (1999).

Das wohl berühmteste Experiment in diesem Bereich ist das so genannte Milgram-Experiment[wp] des Sozial­psychologen Stanley Milgram[wp] an der US Elite-Universität Yale von 1961. Es gilt als Paradebeispiel dafür, wie Menschen sich von wenigen anderen (hier einer Autorität: Versuchsleiter) beeinflussen lassen und sogar bereit sind, Menschen unter dieser sozialen Beeinflussung zu quälen.

Wenn man sich mit der Wirkung der unterschiedlichsten Wahrnehmungs­fehler und Effekte aus­einander­setzt, wird man feststellen, dass Persönlichkeiten, die gegen derart große Meinungs­massen andachten, ihrem Gewissen folgten, Verantwortung übernahmen und aufbegehrten wahre Helden - aber eben auch Ausnahme­erscheinungen - sind. In einem Forschungsprojekt versuchten Forscher heraus­zu­finden, welche Eigenschaften eine Person benötigt, um selbstständig denken und autonom handeln zu können.

Dazu unterteilten sie Testpersonen in zwei unterschiedliche Gruppen: Die erste Gruppe bestand aus Menschen, die sich selbst für hochgradig unabhängig hielten (so genannte Hoch­autonome). Die zweite Gruppe bestand aus Menschen, die sich selbst nur für wenig eigenständig hielten (so genannte Niedrig­autonome). Nachfolgend wurden beide Gruppen bei Diskussionen zu moralischen Fragen beobachtet und dabei überprüft, wie sehr sich die Menschen von Zeitungs­artikeln in ihrer Meinung beeinflussen ließen. Das Ergebnis war sehr überraschend: Das tatsächliche Verhalten der Versuchs­personen widersprach in extremer Weise der Selbst­einschätzung der Versuchs­personen. Tatsächlich waren die angeblich "Hoch­autonomen" in keinster Weise eigen­ständiger als die vermeintlichen Duckmäuser. Interessant war auch: Am wenigsten angepasst, erschien nach Auswertung der Tests und Antworten eine weibliche Versuchs­person, die sich selbst als niedrig­autonom eingeschätzt hatte.

Bei einem weiteren Experiment, das deutlich zeigt, wie selten echte Verhaltens­autonomie ist, sollten die Probanden - bei zeitgleicher Mitteilung vermeintlicher Mehrheits­meinungen - beurteilen, welche von zwei Bild­schirmh­älften heller sei als die jeweils andere. Das Ergebnis: Die meisten Versuchs­personen passten ihre Meinung automatisch dem Urteil der Masse an. Wenn z. B. die vermeintliche (künstlich dargestellte) Mehrheit eine Bild­schirm­hälfte für heller hielt, waren auch die meisten Test­personen genau dieser Meinung, unabhängig davon, ob das Urteil nun richtig oder falsch war. Das zweite Ergebnis: Die gemessene Hirn­aktivität der Versuchs­personen belegte, dass diese die (falsche) Meinung nicht nur vorgaben. Sie waren sogar von dieser Meinung überzeugt bzw.: Sie sahen genau das, was sie zu sehen erwarteten.

Das liegt daran, dass ihr Gehirn die objektiv gesehenen Eindrücke bzw. Informationen aus der visuellen Sinnes­wahr­nehmung so herunterbrachen, dass sie automatisch in Einklang mit der Mehrheits­meinung standen. Genau das ist von Natur aus sogar so gewollt - schließlich ist es aus gehirn­ökonomischen Vereinfachungs- und Einspar­gründen oftmals durchaus hilfreich, Informationen ganz einfach, unkompliziert und schnell aus dem Verhalten anderer Menschen abzuleiten. Besonders in früheren Zeiten (z. B. in der Steinzeit) war dies sinnvoll, um - ähnlich einer Tierherde - schnell auf Flucht umzuschalten. Der Mensch ist quasi ein "Herdentier" und läuft den anderen hinterher z. B. wenn vermeintliche Gefahr droht. Wenn ein, zwei Tiere anfangen, zu laufen, laufen die anderen hinterher.

Was früher vielleicht noch sinnvoll war z. B. um sich vor angreifenden Tieren oder feindlichen Sippen zu schützen, kann in Zeiten der modernen Zivilisation verrückte Ausmaße annehmen, die sogar so weit gehen, dass alles genau verkehrt herum läuft. Die Menschen laufen dann geradewegs ihren Feinden in die Arme und stoßen Freunde von sich oder gehen gegen diese vor, je nachdem, was die meisten anderen tun.

Auch die Werbung und das moderne Neuro­marketing nutzen diese manipulative Kraft. Die Politik und die Medien ebenfalls, oftmals jedoch auch - ohne dass es den "Manipulatoren" selbst überhaupt bewusst ist. Nicht allen ist bewusst, was sie selbst mit ihrem Verhalten vor laufender Kamera anrichten.

Anderen hingegen ist es durchaus bewusst: Bereits der ehemalige Reichs­propaganda­minister Joseph Goebbels[wp] nutzte das Wissen, wie man "das Volk" irreführt, gezielt und bewusst. "Wollt ihr den totalen Krieg?" fragte er am 18. Februar 1943 im Berliner Sportpalast das vermeintliche "Volk", das vor Ort natürlich nur aus erlesenen fanatischen Anhängern des National­sozialismus bestand. Adressat seiner Rede war aber das ganze Volk, dessen Wider­stands­kraft er wecken wollte. Entsprechend sprach er die gesamte Nation an, auch verbal: Die "Invaliden von der Ostfront", die "Rüstungs­arbeiter aus den Berliner Panzer­werken", die "Mitglieder der Partei", die "Wehrmachts­soldaten", "Ärzte", "Wissenschaftler", "Künstler", "Ingenieure", "Architekten", "Lehrer", "Beamte" und "Angestellte", außerdem "Frauen", "junge und alte Menschen".

Nachdem Goebbels diese Personen­gruppen detailliert genannt hatte, stellte er die rhetorische Frage: "Was hier vor mir sitzt, ist ein Ausschnitt aus dem ganzen deutschen Volk an der Front und in der Heimat. Stimmt das?" Daraufhin erhielt er eine stürmische Zustimmung aus dem Saal. Dann stellte er den Anwesenden - quasi als Stell­vertreter des Volkes - zehn rhetorische Fragen zum Vorhandensein der Kampf­bereitschaft, die vom Publikum jeweils mit einem lauten "Ja" beantwortet wurden. Goebbels bekannte Sport­palast­rede endete mit den Worten: "Der Führer hat befohlen, wir werden ihm folgen..." Und so geschah es dann auch, ebenso wie bereits zuvor im Jahre 1932, als Goebbels den letzten Satz seiner Rede ("Nun, Volk, steh' auf, und Sturm, brich' los!") bereits bei einer Wahlkampfrede verwendete.

Bei diesem Satz handelt es sich um ein leicht geändertes Zitat aus dem 1813 veröffentlichten patriotischen Gedicht "Männer und Buben" von Theodor Körner, das sich auf die Befreiungs­kriege gegen Napoleon[wp] bezieht. Genaue diese Widerstands­kraft der Befreiungs­kriege hat Goebbels zusätzlich in einem Propaganda­film verpackt, den er zur Forcierung des Durch­halte­willen des deutschen Volkes kurz vor Zusammenbruch des Dritten Reiches in Auftrag gab. Mit einer Investition von 8,8 Millionen Reichsmark (Produktions­kosten) wurde der Farbfilm "Kolberg", der am 30. Januar 1945, dem 12. Jahrestag der national­sozialistischen Macht­ergreifung uraufgeführt wurde der teuerste Film dieser Zeit.

Auch hier ging es darum, über Storytelling[ext] Beispiele engagierter, couragierter, selbstloser und au­fopferungs­voller Menschen zu zeigen, ähnlich wie man das heute auch in vielen aktuellen Medien­berichten findet - heute jedoch zumeist mit einer vollkommen konträren Intention. Die Botschaft ist jedoch die gleiche: "Kommt und schaut, was andere tun und was sie leisten - und schließt euch diesem Denken und Handeln an." Wie im National­sozialismus so werden heute auch wieder stereotype Muster­menschen in Bild und Ton gezeigt und interviewt. Dabei achten die Medien­vertreter sowie die politisch Verantwortlichen genau darauf, wer gezeigt und wer eben nicht gezeigt wird. Und dann ist da noch der Schnitt, schließlich werden nur jene Ausschnitte gezeigt, die politisch korrekt und gewünscht sind oder eben genau das Gegenteil darstellen. Dadurch werden Sympathien erzeugt, Botschaften platziert und verankert, persönliches Involvement[ext] erzeugt und Stimmungen verbreitet.

Wie bei Goebbels auch, der bei der vorgenannten manipulativen Rede im Berliner Sportpalast nach Nennung der verschiedenen Menschen­gruppen des Volkes und seiner nachfolgenden rhetorische Frage ("Was hier vor mir sitzt, ist ein Ausschnitt aus dem ganzen deutschen Volk ... Stimmt das?") zusätzlich auch den Satz gesagt hatte "Allerdings Juden sind hier nicht vertreten." nutzen viele Politiker und Medien auch heute die Methodik der zusätzlichen Stimmungs­mache: Das Polarisieren mittels Effekt der Polarisierung.

Durch unmittelbare Gegen­über­stellung von vermeintlichem Freund und Feind mit einer extremen Darstellung der Skalierung (z. B. "sympathischer Gutmensch wie Du und Ich" auf der einen Seite und "Abstoßendes primitives asoziales gewalt­tätiges Subjekt" auf der anderen Seite) wird ein regelrechtes Freund-Feind-Bild erzeugt und die breite Masse dahin bewegt (motiviert), wo die Erzeuger bzw. die Auftraggeber der jeweiligen Botschaften sie gerade haben wollen. Obgleich Goebbels polarisierender Satz auf Ton­auf­zeichnungen vorhanden ist, fehlt er in manchen Text­auf­zeichnungen, was auf eine nachträgliche Zensur hinweist. Diese gibt es heute auch noch. Unter anderem erfolgt sie über die Auswahl der Interview- oder Talk-Show-Partner sowie über Gewichtung, Schnitt und Sendezeit.

Auch heute müssen wir davon ausgehen (man kann es sehen und objektiv messen), dass unser Wahrnehmungs- und Urteils­­vermögen nicht nur über die vielen typischen Beobachtungs­fehler, Wahrnehmungs­fehler und Effekte massiv beeinflusst wird, sondern eben auch durch manipulative Techniken, die auf "Social Cognition" bzw. dem Effekt der sozialen Wahrnehmung[ext] basieren. Dadurch werden Meinungen gelenkt und regelrechte Trends erzeugt. Das gezielte Erzeugen von Involvement[ext] ist dabei ebenso ein wirksames Instrument zur "Meinungsmache" bzw. zur Etablierung von Meinungen und Handlungs­mustern wie das Polarisieren:

Täglich sehen wir Bilder, die der Seele weh tun (Involvement) und in den "Herzen" bzw. Köpfen der Menschen (Emotionssystem im Gehirn) wirken. In europäischen Ländern, die sich zugleich als "Wiege des Humanismus" sehen und zugleich als "weise Lehrmeister" und "Heilsbringer" für andere Nationen, fällt dies nicht schwer, da sich allein die "Meinungs­macher" und "Medien­macher" selbst als Botschafter des Heils begreifen. In einer Welt der totalen Reiz­über­flutung und des eher ober­flächlichen Wissens­erwerbs lässt sich Involvement am besten durch selektiv gezeigte bewegende Bilder und die Technik des Polarisierens erzeugen.

Wenn eine TV-Talk-Show oder selbst eine seriös wirkende "Presse-Runde" (z. B. zum Thema Asylpolitik) selbst in einem öffentlich-rechtlichen Sende zu Beginn der Talk-Runde mit dem Satz eingeleitet wird: "Darüber wollen wir diskutieren." hat die Stimmungs- und Meinungs­mache längst begonnen: Z. B. durch unmittelbar folgende polarisierende Aussagen wie a) "Ungarns Minister­präsident verweigert die Aufnahme von Flüchtlingen" versus b) "Deutschland spielt die wohl positivste Rolle in der Flüchtlings­politik und zeigt Entschlossenheit und Humanismus" (Beispiel ARD-Presseclub vom 06.09.2015).

Begleitet werden derartige Aussagen einleitend durch stimmungs­erzeugende Bilder oder emotionalisierende musikalische Untermalung: Während z. B. Aussage b) mit einem dunkel, böse und gefährlich wirkendem Sound untermalt und mit negativen, anmaßend bis bösartig wirkenden dunklen Bilder begleitet wird, sehen wir zu Aussage a) heroisch wirkende Bilder und hören einen positiven Sound. Allein damit verkümmert das angebliche Ziel einer objektiven Diskussion bereits im Ansatz zu einer eigentlich recht billigen und billigenden Meinungs­mache in eine ganz konkrete, bereits festgelegte Richtung.

Das wissenschaftlich längst erforschte Rudeldenken und Mitläufertum begünstigt sowohl die Ausbreitung neuer angeblicher bzw. vermeintlicher Wahrheiten als auch deren Festigung in den Köpfen. Unabhängig von Wahrheits­gehalt, Richtigkeit und Realität wird dadurch ein regelrechter Sozialisierungs­prozess in Gang gesetzt, der in bestimmte Normen, Werte und Verhaltens­muster mündet und Fuß fasst.

Moderne Untersuchungen anhand von Widerstands­kämpfer-Schicksalen zur Zeit des Dritten Reiches zeigen jedoch, dass nicht nur der Charakter entscheidend ist, ob jemand in manipulativen Situationen klar sieht, entsprechend aufbegehrt und zum Held mutiert, sondern ob jemand die entsprechenden Situation überhaupt erkennt und dann auch entsprechende Handlungs­möglich­keiten erkennen kann. Eine derartige Studie führte u. a. der Historiker Marten Düring durch, der Handlungs­motive von Menschen analysierte, die sich der damaligen Mehrheits­meinung wider­setzten und Verfolgten des Regimes halfen. Dabei zeigte sich, dass die Motive der untersuchten Personen sehr unter­schiedlicher Natur waren. Die Palette der Beweg­gründe reicht von Pflichtgefühl oder Geld verdienen über politische Ideale und Menschlichkeit bis hin zu einer Mischung aus verschiedenen Motiven. Manche Menschen wussten selbst nicht, was sie letztendlich zum Handeln bewegt hatte.

Der Film Revolution[wp] von 1985 (mit Al Pacino[wp], Donald Sutherland[wp] und Nastassja Kinski[wp] in den Hauptrollen), der zur Zeit des amerikanischen Unabhängigkeits­krieges[wp] (1775 - 1783) spielt, zeigt dieses differenzierte Denken und Handeln sowie die unter­schiedlichen Motive der Beteiligten sehr anschaulich. Auch hier wird deutlich, dass die handelnden Personen eigentlich gar keine wahren Helden sind. Teilweise ist ihr Handeln sehr spontan, manchmal entwickelt es sich über persönliche Erfahrungen und Gefühle. Es ist also folglich insgesamt davon auszugehen, dass selbst geachtete Querdenker und Helden wie George Washington[wp] und Oskar Schindler[wp] keine heroischen Pläne schmiedeten, sondern in den Lauf der Dinge eher hinein­geschlittert sind - hier konkret mit glücklichem Ausgang.

Um so stärker ist die Gefahr, dass wir alle derart manipuliert sind und uns täglich selbst manipulieren, dass wir die tatsächlichen Auswirkungen unseres Handelns auf die Zukunft nicht überschauen. Denken wir "quer" und "gegen" können wir als Abtrünnige, Ketzer, Geächtete oder Terroristen enden oder aber zu Helden werden, je nachdem wie der Zeitgeist es für uns gerade bereithält.

Querverweise

Dieser Artikel basiert auf dem Artikel Hintergrundwissen "Heile Welt Naivitäts-Fehler" von Die Image-Berater/Andreas Köhler.