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Sprachpolizei

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Hauptseite » Sprache » Sprachpolizei


Sprachpolizei ist ein Determinativ­kompositum, zusammengesetzt aus dem Stamm der Wörter Sprache und Polizei.[1]

Sprachpolizei ist ein Begriff, der laut Matthias Heine von Der Welt zum Jargon von Internet-Trollen gehört.[2]

Bedeutung:

«Polizei oder eine andere bemächtigte oder selbst­ernannte Institution, um bestimmte Sprachnormen durchzusetzen.» - Wiktionary[1]

Das Wort Sprachpolizei kommt Anfang des 20. Jahrhunderts im Zusammenhang mit den Aktivitäten des Allgemeinen deutschen Sprachvereins[ext] auf, der Fremdwort­gebrauch bekämpfte und sich für Verdeutschungen stark machte. Der Verein nutzte das Wort sogar zur ironischen Selbst­bezeichnung. Im "Grazer Tagblatt" dessen Feuilleton den Puristen eine regelmäßige "Sprachecke" einräumte, erschien am 22. Oktober 1911 ein Artikelchen mit der Überschrift "Etwas von der Sprach­polizei". Darin verkündet der Autor: "Sprach­polizisten könnte man sie nennen, die unbequemen Mahner und Warner, nein, lieber Sprach-Schutzleute, denn sie wollen ja schützen - und die Mutter­sprache schützen gegen Gleich­gültigkeit und Lieder­lich­keit, gegen Verrohung und - Überfeinerung. Und sie mögen wohl nicht immer verstehen, sich beliebt zu machen, wie ja der staatlichen Polizei auch hier und da - mit Recht oder Unrecht - nachgesagt wird."

Fast immer wieder das Wort zu dieser Zeit und auch noch in den Zwischen­kriegs­jahren mit Bezug auf die Aktivitäten des Sprachvereins gebraucht. Gelegentlich geht es vor 1914 auch um die Sprachkämpfe, welche die Völker in Österreich-Ungarns unter­einander austrugen. Dabei wird Sprachpolizei auch oft im älteren Sinne des Wortes Polizei gebraucht, welches früher auch "Ordnung, Verwaltung, durch höhere Instanzen erlassene Verhaltens­regeln" bedeuten konnte. Sprachpolizei meint dann ein sprachliches Regelwerk, nicht die Instanz, die es durchsetzt.

Nach 1930 kommt der Ausdruck für einige Jahrzehnte nahezu außer Gebrauch. Die National­sozialisten hatten zwar eine Art Sprachpolizei - die Presse­anweisungen für die gleich­geschalteten Medien, in denen oft bestimmte Wörter gerade­heraus verboten wurden -, aber niemand hätte gewagt, sie so zu nennen. Und die Fremdwort­hatz des Allgemeinen Deutschen Sprachvereins[wp] war den Machthabern auch nicht genehm. Schließlich gehörten sie einer Partei an, deren Name aus den zwei Fremdwörtern national und sozialistisch gebildet war.

Erst seit den Achtzigerjahren liest man Sprachpolizei in deutsch­sprachigen Medien wieder häufiger. Vielleich hat das damit zu tun, dass der große Soziologe Michel Foucault[wp] einmal von der akademischen Diskurs­polizei sprach - und alles, was Foucault sagte und tat, kam damals ganz schnell groß in Mode. Mal war von Kanada die Rede, wo in der Provinz Quebec darüber gewacht wird, dass die französische Sprache stets hinter dem Englischen zurücksteht. Mal ging es wieder um Puristen, die Fremdwörter ausmerzen wollen. Und mal um Literatur. 1984 druckte die "Zeit" eine Rede von Peter Handke[wp] auf Gustav Janus[wp] zur Verleihung des Petrarca-Preises[wp]. Darin schimpft der Dichter auf seine Lieblings­feinde von der Gruppe 47[wp]: "Die so oft nostalgisch herauf­beschworene, selige Gruppe 47 schon war vielmehr ein unseliges Übel, in dem die Literatur beschnitten wurde zu einem Flachding aus Meinung, Trend, Jargon und Sprach­polizei."

Seit den Nullerjahren wird das Wort dann immer häufiger im Zusammenhang mit Verstößen gegen die politische Korrektheit genannt. Josef Joffe[wp] berichtet 2005 in der "Zeit" über den Harvard-Präsidenten Larry Summers[wp], der Frauenquoten an Universitäten abgelehnt hatte: "Nachdem diverse Petitionen seinen Rücktritt gefordert hatten, beugte er sich der akademischen Sprachpolizei."

In diesem Sinne ist die Vokabel heute allgegenwärtig. Der Kampf gegen Hetze im Internet hat dazu geführt, dass sich die Trolle mit dem Vorwurf wehren, es gäbe eine Sprachpolizei, die ihnen vorschreiben wolle, wie sie ihre Gedanken zu formulieren hätten. Der Sprach­polizei-Vorwurf ist die etwas indirektere Art zu sagen: Das wird man ja wohl noch sagen dürfen. Meist werfen sich die so Formulierenden in die Pose des verfolgten Regime­gegners. Sogar der Polizei­minister Seehofer ist sich ja nicht zu schade für dieses Opfergetue. Früher wurden Regime­gegner von der Gestapo gefoltert, heute empfinden sich gefühlte Dissidenten als Gejagte der Sprach­polizei. Manches ist doch im Verlauf der Geschichte besser geworden.
- Die Welt[2]

Einzelnachweise

  1. 1,0 1,1 Wiktionary: Sprachpolizei
  2. 2,0 2,1 Matthias Heine: Ein Mann, ein Wort: Lieber die Sprachpolizei als die Gestapo, Die Welt am 7. August 2018

Netzverweise