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Rattenexperiment

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Der Begriff Rattenexperiment bezeichnet zusammenfassend alle Experimente des US-amerikanischen Psychologen und für Gesundheitsbehörden tätigen Forschers John B. Calhoun[wp] mit Rattenpopulationen, die dem Zweck der Erforschung der Über­bevölkerung unter Hauptaugenmerk auf die wissen­schaftliche Klärung der Frage der Auswirkungen der Bevölkerungs­dichte auf das soziale Verhalten von Menschen, dienten.

Eines seiner ersten Experimente unternahm er mit einer Population wilder Ratten.

Calhoun hielt diese Ratten auf einem Gelände von ca. 100 qm, versorgte die Tiere reichlich mit Nahrungs­mitteln und achtete darauf, dass äußere Einwirkungen, wie Krankheit oder Katzen, ausgeschaltet wurden. Für die Ratten gab es also keinerlei Möglichkeiten, den Konsequenzen ihrer eigenen Vermehrung und der damit anwachsenden Bevölkerungs­dichte zu entfliehen. Nach 27 Monaten hatte sich die Bevölkerungszahl auf 150 erwachsene Ratten stabilisiert. Eine sehr niedrige Zahl! Aufgrund der beobachteten Reproduktionsrate hätte Calhoun eine Bevölkerungszahl von 5000 Ratten erwarten können. Der Grund, der zu dieser unerwartet niedrigen Bevölkerungs­zahl führte: Die Jungtier­sterblichkeit war außerordentlich hoch, und zwar nicht wegen Krankheit, sondern wegen schwerer Schäden des mütterlichen Verhaltens. Selbst mit nur 150 Erwachsenen in der abgeschlossenen Arena ließ der "soziale Stress" das sonst ratten­mutter­übliche Pflegeverhalten nicht zu. Die Rattenmütter hatten offensichtlich einfach keine Zeit, ihren Jungen die notwendige Pflege angedeihen zu lassen, so dass nur wenige Nachkommen überlebten.

Eines der letzten Experimente Calhouns zeitigte noch weit schlimmere Folgen. Calhoun betätigte sich als Städte­planer und Architekt für Ratten­wohnungen. Auf zwei­einhalb Metern im Quadrat baute er eine kleine Stadt mit 256 Appartements, stellte Wasser- und Verpflegungs­stellen zur Verfügung. Um sicher zu gehen, dass es die Bewohner auch gemütlich haben, klimatisierte er den ganzen Raum und richtete Kontaktplätze ein, die den Bewohnern als Stellen der Begegnung dienen sollten. Dann quartierte er die ersten Bewohner dort ein, nämlich acht weiße Ratten, und lief dem Schicksal seinen Lauf.

Die acht Ureinwohner vermehrten sich im Laufe der Zeit auf 150 Tiere, was nach Calhoun eine Ideal­ziffer darstellt. Doch das Ausbleiben von Krankheiten und Räubern ermöglichte eine weitere Vermehrung auf 600 Ratten. Calhoun beobachtete, wie sich langsam soziale Strukturen heraus­bildeten. Es sonderten sich 14 Gruppen ab, die als die dominanten Tiere angesehen werden konnten, wahrend die übrigen sich in der Mitte des Raumes zusammen­drängten. Hier versammelten sich über 400 Ratten, von denen es nur wenigen gelang, in eine der 14 Gruppen aufzusteigen. Die unter­privilegierten Tiere, die in der Mitte des Geheges zusammen­gepfercht lebten, reagierten mit erheblicher Gewalt­tätigkeit und bekämpften sich schließlich sogar untereinander. Die ranghohen Tiere, die in der sozialen Hierarchie zu einer der 14 Gruppen gehörten, vermehrten sich weiterhin ungemein schnell, bis die Bewohnerzahl des Geheges schließlich auf 2200 Tiere anschwoll. Dabei wurden die Sozial­strukturen völlig zerbrochen. Die Mütter zeigten nicht mehr das normale Pflege­verhalten. Während sie sonst z. B. für ihre Jungen ein Nest zu bauen pflegen aus Material, das Calhoun in reichlichem Maß zur Verfügung stellte, schafften sie es nunmehr kaum noch, mit einigen wenigen Schnipseln einen solchen Nestbau auch nur anzudeuten. Die Kinder gingen in der quirlenden Masse ihrer Artgenossen unter und hatten keine Chance zu überleben. Nur wenigen gelang es noch, zu kopulieren, weil sie dauernd von wütenden Artgenossen angegriffen und so daran gehindert wurden. Schließlich erstarb das Leben mehr und mehr. Selbst normale Pfeif- und Quietsch­geräusche, die sonst alle Aktivitäten der Ratten untermalen, hörten auf.

Die meisten Tiere, so beschreibt Calhoun, sind zwar physisch gesund, aber sozial steril, eingefroren in eine Art kindhafter Trance. So nahte das Ende. Seit einem Jahr wurde in der einst so luxuriösen Über­fluss­gesellschaft kein Nachwuchs mehr geboren. Die Zahl der Bewohner schrumpfte auf 600 und weiterer Nachwuchs war nicht mehr zu erwarten. Die jüngste Ratte, so ermittelte Calhoun, war 40 Jahre alt, übertragen auf die menschliche Lebensspanne. Die mit allen Annehmlichkeiten eines Rattenlebens aus­gestattete Überfluss­gesellschaft war zum Tode verurteilt.

Calhoun (1962)

Querverweise

Netzverweise

Dieser Artikel basiert auf dem Artikel Verhaltensforschung, die uns angeht von Klaus H. Thews.
Dieser Artikel basiert auf dem Artikel Calhoun (1962).