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Heiratsengpass
Der Begriff Heiratsengpass (englisch: marriage squeeze) bezeichnet in der Demographie die erheblich voneinander differierende Zahl von heiratsfähigen/heiratswilligen Männern und Frauen in einer monogamen Gesellschaft.
In Europa gab es im 19. und frühen 20. Jahrhundert einen Heiratsengpass für Frauen, und in vielen Ländern Lateinamerikas, Afrikas und Südasiens gibt es ihn noch heute. In Europa und in der Volksrepublik China gibt es gegenwärtig einen jeweils unterschiedlich gearteten Heiratsengpass für Männer.
Ursachen
Als einzige Ursachen werden oft geschlechtsspezifische Unterschiede hinsichtlich Geburtenzahl[wp] und Sterblichkeit genannt. Es werden etwa 6 % mehr Knaben als Mädchen geboren, aber dem steht eine höhere Sterblichkeit der Knaben gegenüber, sodass es im heiratsfähigen Alter in einer geschlossenen und von äußeren Einflüssen (Krieg) ungestörten Bevölkerung innerhalb jeder Altersgruppe etwa gleich viel Männer und Frauen gibt. Eine höhere Sterblichkeit der erwachsenen Männer, wie sie durch Kriege und Bürgerkriege, aber auch wegen der Ausübung von gefährlichen Berufen oder Tätigkeiten in gefährlichen Branchen durch Männer verursacht wird, hat immer einen Heiratsengpass für Frauen zur Folge.
Eine andere Ursache, die oft übersehen wird, hängt damit zusammen, dass bei der Erstheirat das Durchschnittsalter der Frauen niedriger ist als dasjenige der Männer (Heiratsalter[wp]). In einer Bevölkerung, deren Größe konstant bleibt, hat dies keinen Einfluss auf den Heiratsmarkt. Aber wenn eine Bevölkerung jahrzehntelang kontinuierlich gewachsen ist, dann hat die Geschlechts- und Altersverteilung die typische Form einer Pyramide (Altersverteilung[wp]). Je schneller die Bevölkerung wächst, desto stärker verjüngt sich die Pyramide nach oben. Bei einer Wachstumsrate von 2 % ist die Zahl der n-Jährigen beider Geschlechter um 2 % größer als die Zahl der (n+1)-Jährigen, was in Kombination mit dem geringeren Heiratsalter der Frauen zu einem Heiratsengpass für dieselben führt.
Nach der Erfindung der Antibabypille[wp] und ihrer Zulassung als Mittel der Empfängnisverhütung ist in vielen Ländern Europas seit den 1960er Jahren die Geburtenzahl stark zurückgegangen. In der Schweiz fiel sie von rund 112.000 im Jahr 1965 auf 72.000 im Jahr 1979. Aufgrund des Umstands, dass die Frauen im Durchschnitt immer noch ca. zwei Jahre früher heiraten als die Männer, führte dies später zu einem starken Heiratsengpass für Männer. Im Jahr 2005 zum Beispiel haben 28.764 Schweizer Männer geheiratet, aber nur 26'958 Schweizer Frauen.[1]
Statistische Daten
Ein Heiratsengpass für Frauen hat zur Folge, dass viele Frauen zeitlebens ledig bleiben oder in erster Ehe einen verwitweten oder geschiedenen Mann heiraten. Witwen und geschiedene Frauen haben dann nur eine geringe Chance, einen neuen Partner zu finden. Einschlägige Daten für das Deutsche Reich[wp], die vom Statistischen Reichsamt[wp] publiziert wurden, findet man bei August Bebel[wp].[2]
Danach gab es im Jahr 1900 im Deutschen Reich 152.659 Witwen, aber nur 46.931 Witwer sowie 21.901 geschiedene Frauen und nur 8.590 geschiedene Männer im Alter bis 40.
Für die Zeit nach 1950 gibt es demographische Daten aus fast allen Ländern in den Demographischen Jahrbüchern der UNO. Ein Vergleich zwischen europäischen Ländern und Ländern in Lateinamerika mit schnell wachsender Bevölkerung zeigt, dass es nur in diesen in den 1980er Jahren immer noch einen Heiratsengpass für Frauen gab (Tabelle 1).
| Bolivien | Guatemala | BRD[wp] | CSSR[wp] | |
|---|---|---|---|---|
| Frauen | 11.300 | 16.475 | 189.443 | 59.580 |
| Männer | 3.700 | 3.958 | 152.237 | 51.583 |
| Quotient | 3,1 | 4,2 | 1,24 | 1,16 |
Den europäischen Ländern mit einem Heiratsengpass für Männer stehen heute noch viele Länder mit einem Heiratsengpass für Frauen gegenüber. Dies sind Länder mit wachsender Bevölkerung in Lateinamerika, Afrika und Südasien. Durch den intensiven Reiseverkehr vor der Covid-19-Pandemie konnten viele Männer aus Europa Frauen aus diesen Ländern kennenlernen und heiraten. Die Tabelle 2 zeigt dieses Phänomen am Beispiel der Schweiz.
| Wachstumsrate[4] | Heiraten zwischen Schweizern und Frauen aus |
Heiraten zwischen Schweizerinnen und Männern aus | |||
|---|---|---|---|---|---|
| 1,9 | Äthiopien | 33 | 15 | Äthiopien | |
| 1,5 | Elfenbeinküste | 34 | 22 | Elfenbeinküste | |
| 1,8 | Kamerun | 146 | 44 | Kamerun | |
| 1,1 | Marokko | 218 | 119 | Marokko | |
| 1,9 | Bolivien | 35 | 11 | Bolivien | |
| 1,4 | Brasilien | 654 | 81 | Brasilien | |
| 1,1 | Chile | 40 | 33 | Chile | |
| 1,5 | Dom. Rep. | 177 | 59 | Dom. Rep. | |
| 1,6 | Kolumbien | 109 | 36 | Kolumbien | |
| 0,2 | Kuba | 51 | 55 | Kuba | |
| 1,5 | Mexico | 69 | 32 | Mexico | |
| 1,5 | Perú | 105 | 38 | Perú | |
| 1,8 | Philippinen | 132 | 9 | Philippinen | |
| 0,9 | Thailand | 573 | 20 | Thailand | |
Man sieht, dass mit Ausnahme von Kuba die Zahl der Männer, die eine interkulturelle Ehe eingehen, immer größer ist als die entsprechende Zahl der Frauen, und im Fall von Brasilien, Thailand und den Philippinen übertrifft sie diese um einen Faktor größer als acht.
Folgen
Solange ledige Frauen nur wenige Berufe ausüben durften und in der Gesellschaft schlechter gestellt waren als Ehefrauen, drängten die jungen Frauen zur Heirat. Wegen der Bekanntschaft, welche die meisten Frauen mit mindestens einer älteren Frau hatten, die ledig geblieben war, hatten sie Angst, die Gelegenheit zur Eheschließung zu versäumen und in Folge dessen ledig bleiben zu müssen. Der Heiratsengpass hat deshalb die Tendenz der Frauen zur verführten Eheschließung und zur Anpassung an das patriarchalische Wertesystem verstärkt. Es gab demnach einen demographischen Widerspruch, der sich so ausdrücken lässt:
- "Je früher die Frauen heirateten und je mehr Kinder sie gebaren, desto mehr Frauen mussten ledig und kinderlos bleiben. Oder mit anderen Worten: Je eifriger die Mehrheit der Frauen die Forderungen des Patriarchats erfüllte, desto größer war die Minderheit derer, die sie gar nicht erfüllen konnten."[5]
Die große Zahl von älteren ledigen Frauen im 19. Jahrhundert bot ein Reservoir von Arbeitskräften, die in der Pflege von Alten und Kranken eingesetzt werden konnten.
Belege in der Belletristik
In dem realistischen Roman Effi Briest[wp] von Theodor Fontane[wp] hält der 38-jährige Instetten um die Hand der 17-jährigen Effi Briest an, und ohne sich lange zu besinnen, gibt Effi ihm das Jawort. Danach beeilt sie sich, es ihrer Freundin zu sagen, und denkt dabei: nun bin ich ihr doch zuvorgekommen. Es gab also einen regelrechten Wettlauf mit dem ersehnten Ziel der Heirat. Die Ursache für dieses Verhalten war ein erheblicher Heiratsengpass für Frauen, der seinerseits durch das Bevölkerungswachstum und den großen Unterschied im Heiratsalter bedingt war.
In Lateinamerika war es ähnlich. In dem Roman Die Liebe in den Zeiten der Cholera[wp] des kolumbianischen Autors Gabriel García Márquez[wp], der auch im späten 19. Jahrhundert spielt, heißt es: "Für die Frauen gab es nur zwei Altersstufen: das heiratsfähige Alter, das höchstens bis zum zweiundzwanzigsten Lebensjahr ging, und das Alter der ewigen Jungfer für die Sitzengebliebenen".
Einzelnachweise
- ↑ 1,0 1,1 Heiraten nach gegenseitiger Staatsangehörigkeit vor der Heirat, 1987-2019 - Tabelle, Bundesamt für Statistik, 25. Juni 2020
- ↑ August Bebel[wp]: Die Frau und der Sozialismus, 1913, 50. Auflage, Seiten 161-162
- ↑ United Nations: Demographic Yearbook 1990, Table 41, Population by age, gender and marital status, 1992.
- ↑ nach Fischer Weltalmanach 2007
- ↑ Helmut Knolle: Patriarchat und Bevölkerungsgeschichte, Papyrossa, 2018, ISBN 3-89438-683-5
Querverweise