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Denkpest
Das Schlagwort Denkpest (Wortzusammenziehung aus den Begriffen Denken[wp] im Sinne des Mutes, sich gemäß Kant[wp] seines eigenen Verstandes zu bedienen und Pest[wp], einer epidemischen Krankheit) ist ein von Sascha Lobo geprägter Kampfbegriff, mit welchem das unabhängige intellektuelle Denken als eine sozial unerwünschte und schädliche Tätigkeit des Geistes mit schwerwiegenden Folgen für die gesellschaftliche Integrität diffamiert wird.
Das Zeitalter der Aufklärung hat sein Ende erreicht, die Ermunterung Immanuel Kants[wp], sich seines eigenen Verstandes zu bedienen, wurde durch die Aufforderung ersetzt, dies zu unterlassen. Begriffe wie Denkpest und Infodemie sollen geistig selbstständige Bürger einschüchtern und davor warnen, die Desinformation der Geheimdienste, die von Politikern offiziell verlautbarten Losungen und die Narrative der Meinungswirtschaft gedanklich durchdringen und ganzheitlich verarbeiten zu wollen. Es ist der Kampf um die Deutungshoheit, die eine wichtige Voraussetzung zur Erringung der Diskurshoheit ist, die für die Durchsetzung grundsätzlicher politischer Entscheidungen unabdingbar ist.
Verwendung
| Zitat: | «Die Extremsituation der Pandemie, schlechte (staatliche, institutionelle) Kommunikation und soziale Medien wie Telegram haben ein neues Massenphänomen hervorgebracht, eine Vorstufe zum umfassenden Verschwörungsglauben:
Die Denkpest. Denkpest ist ausdrücklich keine Krankheit, ebenso wie ein "virales Video" nichts mit einem Krankheitserreger zu tun hat. Insbesondere Rechtsextremismus sollte nicht als Krankheit, sondern als hassgetriebene Welthaltung begriffen werden. Aber für wesentliche Mechanismen trifft die Metaphorik gut, weshalb schon 2003 im Zuge der SARS-Epidemie der ähnliche Begriff "Infodemie"[1] (Informationspandemie) entstand. Bei der Denkpest hat einerseits die Art und Weise der Verbreitung etwas mit Übertragung zwischen Personen zu tun. Andererseits wirkt sie mehr oder weniger auf den gesamten Menschen: auf die Denkweise, die Wahrnehmung, das Verhalten, die Kommunikation, die soziale Interaktion. Denkpest ist, was passiert, wenn ein Mensch sich in den Gedankenirrgärten von Fake-News und Verschwörungstheorien verläuft. Mir persönlich hat bisher ein Wort dafür gefehlt, denn Denkpest ist mehr als ein Medienphänomen via Telegram. Sie ist eine Art unbewusste Ideologie. Das ist ein lange existierender und trotzdem sehr aktueller Begriff der politischen Soziologie. Der österreich-ungarische jüdische Soziologe Karl Mannheim[wp] beschrieb die unbewusste Ideologie so: Der Betroffene kann "die Inkongruenz seiner Vorstellungen mit der Wirklichkeit deshalb nicht entdecken [...], weil die Gesamtaxiomatik seines historisch und sozial bestimmten Denkens so gelagert ist, daß die Inkongruenz prinzipiell nicht sichtbar werden kann." Ein bisschen einfacher ausgedrückt: Die unbewusste Ideologie der Denkpest ist wie unangenehmer Körpergeruch, Betroffene sind nicht ohne Weiteres in der Lage, es zu riechen - aber alle anderen leiden darunter. Die Denkpest lässt sich als Vorform und Nährboden der Verschwörungsideologie begreifen. Der größte Unterschied zwischen beiden: Man muss an keine einzige Verschwörung glauben und kann trotzdem die Denkpest haben. Es reicht aus, wenn man ein derart tiefes Misstrauen entwickelt hat, dass man einfach nichts glaubt. Wenn man mit Denkpest-Betroffenen versucht zu diskutieren, stößt man nicht zwingend auf das geschlossene Weltbild vieler Verschwörungsgläubiger. Häufiger sind gefühlte, diffuse Zweifel, die eher von einer tiefen Verunsicherung herrühren als vom Glauben an eine konkrete Erklärung in Form einer Verschwörung. Vielleicht liegt darin der Millionenerfolg der Denkpest begründet: die Niedrigschwelligkeit, nicht an die Herrschaft der Echsenmenschen[ew] zu glauben, sondern einfach daran, dass irgendwas ja wohl irgendwie faul sein muss. Weshalb man sich lieber auf sein Bauchgefühl verlässt als auf "offizielle" Informationen. Maßgeblich ist wie bei vielen Radikalisierungsprozessen ein übersteigertes Misstrauen in klassische, redaktionelle Medien. Nicht, dass es dort nicht viel zu kritisieren gäbe. Aber die Denkpest braucht als Grundlage die Überzeugung, dass mehr oder weniger alle Medien absichtlich oder aus Unwissen falsch berichten. Toxische Begriffe wie "Lügenpresse" bedeuten dabei gerade nicht, dass alle Medien immer lügen. Vielmehr ist die Funktion von "Lügenpresse" oder das angrenzende "Mainstream-Medien" als Symptom der Denkpest viel teuflischer: Sie ermöglicht, sich vollkommen frei auszusuchen, was man für richtig hält, was für falsch oder wo man einfach das Gegenteil des Inhalts für richtig hält. "Mainstream-Medien", kurz MSM, ist die Selbsterlaubnis, sich stets nur die Informationen herauszusuchen, die einem in den Kram passen. Quasi die kognitive Verzerrung des Bestätigungsfehlers in einen einzelnen Begriff gegossen. Die Denkpest hat sich so ein selbstverstärkendes Muster geschaffen: Richtig ist, was die Denkpest stützt. Falsch ist, was ihr widerspricht. Die Übertragung der Denkpest schließlich passiert wahrscheinlich via Mund-zu-Mund-Propaganda, meist digital über Messenger, über soziale oder propagandistische redaktionelle Medien.» - Sascha Lobo[2] |
Reaktionen
Da ist ein (scheinbar) neuer Begriff aufgetaucht im Kampf um die Meinungsherrschaft rund um die Corona-Pandemie: die #Denkpest. Ich finde diese unheilvolle Kombination von Denken[wp] und Pest[wp] für höchst gefährlich. Nicht überraschend ist hingegen: Auch die von ihm bezeichneten Verschwörungstheoretiker kontern mit ähnlicher Begrifflichkeit: der #Gedankenpest. Daniel Binswanger[wp] hat den Begriff der Gedankenpest schon zwei Jahre zuvor im Schweizer Magazin Republik 2020 auf die gefährliche Metapher Corona als gesellschaftliche Krankheit hingewiesen und dabei von Gedankenpest gesprochen:
Der Artikel muss wohl Herrn Lobo bei der Prägung "seines" Begriffs wohl bekannt gewesen sein: distanziert er sich doch von der Metapher der Krankheit, auf die Binswanger hingewiesen hat. Trotzdem: Wenn also Sascha Lobo mit der Emphase des kritischen (linken?) Journalisten von der Radikalisierung der Impfgegner spricht, tut er etwas, was auch Teile der Befürworter des Impfens tun: sich zu radikalisieren im Kampf um die Meinungsvormacht. Dies befeuert der Autor nun mit seiner missglückten Kreation des gegenständlichen Begriffs. Was also machen die Begriffe Denkpest und Gedankenpest mit uns? Sie treiben das gesellschaftliche Hasskarussel weiter an. Denn eine Pest muss man "ausmerzen" und "ausgrenzen", vernichten. Das haben wir vom Mittelalter gelernt und in unserem historischen Gedächtnis gespeichert. Jene Berichte, nach denen die Erkrankten vor die Stadtmauern verbannt und nach ihrem Tod in Kalkgruben verscharrt wurden, kennt fast jeder, der eine Schule besucht hat. Dieser damals mit der Strafe (oder zumindest Abwesenheit Gottes) in Zusammenhang gebrachte Totentanz versetzt uns heute noch in gefährliche Panik. Die Pest ging um, damit der Tod und das Elend, die Geworfenheit ins Elend, die Entfesselung Satans! Die Flöhe hüpften über von den Kranken auf Gesunde: unsichtbar, unbegriffen, unerklärlich. Pestbeulen überzogen die Körper, begleiteten die Totgeweihten in Ausgestossenheit und Siechtum. Die Pest als Fanal! Solche Bilder tauchen unwillkürlich auf und tragen dazu bei, Menschen zu segregieren, und das gesellschaftliche Klima weiter anzuheizen. Der Kampf um die Begriffe ist nur ideologischer Ausdruck davon. Er zeigt, wie sehr mystifiziert wird, was gerade passiert. Pandemie ist eine Metapher, eine brandgefährliche: #Denkpest und #Gedankenpest ihre Waffen. Sie verleugnen die Rationalität dieser Welt und machen die Vernunft zur beliebigen Meinung. Man könnte nun behaupten, dass mit Gedankenpest/Denkpest ja nur ein Phänomen des Verhaltens bezeichnet werde, und nicht konkrete Menschen gemeint sind. Falsch! Jemand zu unterstellen, mit Denkpest/Gedankenpest infiziert zu sein, diskriminiert ihn als unheilbar krank und als jemanden, den man (als Konsequenz, siehe mittelalterliche Pest) wohl auszumerzen habe. Diese Enthumanisierung der Sprache heizt den vorhandenen und von den sozialen Medien befeuerten Hass an, der nur die latenten Ängste vor der Krankheit (der sozialen Deklassierung) versteckt. Sehen wir sofort davon ab, uns nicht auch selbst in die allgemeine Gewaltspirale zu begeben! Behandeln wir die von (kleinen, radikalisierten) Teilen der Impfgegner geäusserten Befindlichkeiten als das, was sie tatsächlich sind: als Fake News, als Blödsinn, als Verwirrtheit, als mutwillige politische Propaganda der Rechten bis Rechtsradikalen: aber nicht als Denkpest/Gedankenpest. Das führt nur zu weiterer Radikalisierung der Gesellschaft, diesmal der Vernünftigen, die sich mehrheitlich nicht auf Telegram, sondern auf Twitter ereifern. Man möge dort lesen und sich erbrechen über die oft inakzeptablen Bemerkungen der "Guten". Auch das brauchen wir wohl nicht. Denn die Rechte kann man nicht mit irrationalen Begriffen bekämpfen, Herr Lobo. Recherche:
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| – Härdöpfel in Mostindien[3] |
| Zitat: | «Gunnar #Kaiser bezieht Stellung zu Sascha #Lobo.
#Denkpest #CoronaFaschismus #NeoFaschismus
» - EsWerdeLicht[4] |
| Zitat: | «Gestern las ich das Wort "Denkpest" und zuckte zusammen: Darf man so weit sinken? Gemünzt auf "Impfskeptiker", erklärt da einer die Skepsis, den einzigen Ansatz zum unabhängigen Denken, den die Menschheit entwickelt hat, zum Menschheitsfeind. Doch ist es wirklich Skepsis, die diese Menschen bewegt? Eher ist es die Sorge um sich und die Ihren, um Leib, Leben, Gesundheit, also gerade dasjenige, wofür von Staats wegen gesorgt sein soll. Die Sorge ist wirklicher als der verordnende Staat, wer sie ausradieren möchte, der muss den Menschen ausradieren.» - Ulrich Schödlbauer[5] |
| Zitat: | «Wenn Kritisches Denken zur "Denkpest" erklärt wird, fehlen mir als "Betroffener" ehrlich gesagt die Worte. Niemals hätte ich bei der Wende '89[wp] gedacht, das gut 30 Jahre später der Staat wieder das Denken für mich übernimmt, regierungskritische Demonstration verboten werden, Kritik zensiert und kritische Geister sogar vom Geheimdienst bespitzelt werden.»[6] |
| Zitat: | «Weil solche wie Lobo einfach nichts Beweisbarer haben, fantasieren sie von einer "Denkpest". Die "Denkpest ist, was passiert, wenn ein Mensch sich in den Gedankenirrgärten von Fake-News und Verschwörungstheorien verläuft." Lobo sollte sich keine Sorgen machen: Irgendwas mit "Denken"[wp] kann ihn nicht erreichen. Er ist ein Zeuge Coronas, da reicht der Glaube an Karl Lauterbach zum Beispiel allemal.» - Uli Gellermann[7][8] |
Querverweise
Einzelnachweise
- ↑ Infodemie - erklärt von Bernhard Pörksen[archiviert am 19. Mai 2022], SWR2 am Samstagnachmittag (SWR2) am 13. November 2021, 14:05 Uhr
- ↑ Sascha Lobo: Corona und die Radikalisierung der Impfgegner: Die Denkpest, Der Spiegel am 5. Januar 2022
- ↑ Glossar: # Denkpest, Härdöpfel in Mostindien am 16. Januar 2022
- ↑ Twitter: @EsLicht - 11. Jan. 2022 - 22:07 Uhr
- ↑ Denkpest und andere Bitterstoffe, Ulrich Schödlbauer - Schrift(art)en am 29. Januar 2022
- "In einem Land zu leben, in dem die Mehrheit sich zur Religion der Maske bekehrt hat, ist sinnlos." * "Was für eine Religion ist das? Wer nach einem religiösen Leben fahndet, der fahndet vergebens. Von der Religion haben sie nur die Schikane behalten und den Anspruch, alleinseligmachend zu sein. Dazu die weltliche Macht, sie gegen jedermann durchzusetzen."
- ↑ Kommentar von Peter Müller am 31. Januar 2022 - 13:07 Uhr
- ↑ Uli Gellermann: Hass auf die Gesunden, Rationalgalerie am 8. Januar 2022
- Auszug: Lobo hat seinen Feind fest ins Auge gefasst und behauptet: "Tatsächlich ist aus 'Querdenken', Esoterik-Gläubigen und Rechtsextremen eine gefährliche Protestbewegung entstanden, ihr kaum verstecktes Ziel ist ein Umsturz." Ach Gottchen, wer jemals bei den üblichen Demonstrationen der Grundrechte-Bewegung war, bei den Leuten, die "Frieden, Freiheit, keine Diktatur" skandieren, der hat große Mühe, ein Umsturz-Potential zu erkennen. Dezentral organisiert und spontan zueinander gefunden, stehen sie bisher der Flower-Power-Bewegung in den späten 1960ern näher als einer Kreuzberger Maidemonstration. Aber Lobo und sein SPIEGEL versuchen - wenn sie von "Antisemitismus und autoritär geprägtem Elitenhass" faseln - mit primitiven Etiketten der Demokratie-Bewegung eine Ideologie aufzupfropfen, um sie zum legitimen Ziel der Staatsgewalt zu machen.
- ↑ Uli Gellermann: Hass auf die Gesunden, Apolut am 8. Januar 2022