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Putin-Versteher

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Putin-Versteher oder Putinversteher ist ein politisches Schlagwort, das in der Regel abwertend Personen bezeichnet, die behaupten, oder denen unterstellt wird, Wladimir Putins Sorgen, Erwartungen oder Handeln, insbesondere in der Außenpolitik gegenüber dem Imperium USA und dessen Klientelstaaten, nachvollziehen zu können und unter diesem Vorwand verteidigen.[1] Der Begriff tauchte erstmals 2014 im Zuge des Ukraine-Krieges auf.[2] Eine analoge Wortbildung ist Stalin-Versteher, wie etwa Lion Feuchtwanger[wp] genannt worden ist.[3] Eng verwandt ist das Schlagwort zudem mit dem Begriff Russlandversteher.[4]

Hintergrund

Die deutsche Osteuropa-Historikerin Franziska Davies[wp] in der Süddeutschen Zeitung:

Zitat: «Über Jahre genossen Putin-Verteidiger (absurderweise als "Russland-Versteher" bezeichnet) [...] eine hohe Präsenz in der Öffentlichkeit. Mit ihren Büchern wurde Geld verdient, ihre Auftritte versprachen hohe Einschaltquoten. Daran änderte sich über Jahre nichts, obwohl Experten wiederholt darauf hinwiesen, dass deren Thesen auf einer verqueren Russland-Romantik, einer Verharmlosung von eklatanten Menschenrechts­verletzungen durch das Putin-Regime, dem Verdrehen oder Weglassen von Fakten und einem erschreckenden Mangel an Empathie für die Opfer Putins in der Ukraine oder anderswo beruhten. Die "Russland-Versteher" zeichneten sich nicht zuletzt durch einen zutiefst imperialen Blick auf Ostmitteleuropa aus und stellten sich damit in die Tradition eines Denkmusters in Deutschland, deren schlimmste Folgen sich im Zweiten Weltkrieg gezeigt hatten.»[5]

Zeit-Redakteur Michael Thumann[wp]:

Zitat: «Auch unzweifelhaft demokratische Politiker redeten uns in den vergangenen Jahren ein, das System Putin[wp] sei schon ganz richtig für das große Russland, es sei berechenbar. Und eigentlich seien doch die kriegslüsternen US-Amerikaner an allem schuld, die uns ihr Fracking-Gas verkaufen und obendrein mehr Geld für Waffen wollen. Und der russische Oppositionelle Alexei Nawalny, ist der nicht Nationalist? Die Krim schon "immer" russisch? Das waren die Argumente, mit denen Deutschland in die dramatische Abhängigkeit von Russlands Rohstoffen gestürzt und die deutsche Resilienz geschwächt wurde.»[6]

Der Osteuropa-Spezialist Andreas Umland[wp] in der Neuen Zürcher Zeitung:

Zitat: «Der Kreml verteidigt mit seiner oft abenteuerlichen Aussenpolitik weniger missachtete nationale Interessen als die Privatinteressen der Machthaber. Putin-Versteher tun den Russen keinen Gefallen. Totschlagargument der sogenannten «Putin-Versteher» in Debatten um westliche Osteuropapolitik ist häufig der Vorwurf der Russophobie. Sich verständnisvoll gebende Interpreten der heutigen russischen Aussenpolitik halten Kritikern von Moskaus Verhalten mangelnde Empathie oder gar versteckte Xenophobie bezüglich des russischen Volkes und seiner Traditionen, Sorgen und Anschauungen vor.»[7]

Der frühere NZZ-Korrespondent Reinhard Meier in Journal21:

Zitat: «Der Ausdruck Putin-Versteher muss nicht grundsätzlich ein negativer Begriff oder gar ein Schimpfwort sein. Diesen verpönten Beigeschmack hat er allgemein erst seit dem mörderischen Überfall Putins auf die Ukraine bekommen. Putin-Versteher gelten heute im gängigen Sprachgebrauch als Putin-Claqueure, die im Prinzip gutheissen oder zumindest Verständnis für alles signalisieren, was der Kremlherrscher tut. [...] Putin-Versteher argumentieren aus irgendwelchen naiven oder romantischen Gründen, aus narzisstischem Besserwisser-Reflex oder einfach aus schnödem Marktkalkül, der russische Angriffskrieg in der Ukraine sei zwar eine schreckliche Entwicklung. Doch gleichzeitig müsse man auch die Vorgeschichte berücksichtigen, Putin sei vom Westen immer wieder «gedemütigt» worden, die erweiterte NATO bedeute aus Moskauer Sicht eine echte militärische Bedrohung für Russland und die Ukraine habe ja historisch immer zum russischen Reich gehört. Aus diesen und andern Gründen könne man die Verantwortung für diesen tragischen Krieg nicht allein Putin zuschieben.»[8]

Verbreitung des Begriffs

Am 24. Februar 2014 führte Robert Leicht[wp], politischer Korrespondent der Zeit[wp], den Begriff in den Pressediskurs ein. Er empfahl dem "Ex-Kanzler und Putin-Versteher Gerhard Schröder, sich mit seinen Ratschlägen etwas mehr zurückzuhalten".[9] Am 16. März 2014 leitete Leicht einen eigenen Kommentar mit folgenden Worten ein: "Man kommt schnell in den unansehnlichen Ruf des Russlandverstehers[wp], wenn man sich dem kollektiven Zwang zur Verurteilung Putins nicht ohne die geringste Widerrede fügt." In der Zwischenzeit hatten fast alle überregionalen Medien die Rede von den Putin-Verstehern - teilweise auch als Moskau- oder Russland-Versteher - in Kommentaren zum so genannten "russischen Angriff auf die Ukraine" übernommen.[10] "Putin-Versteher" in der Bedeutung "Unterstützer des russischen Präsidenten Wladimir Putin im Ukrainekonflikt" wurde am häufigsten als Unwort des Jahres 2014[wp] in Deutschland vorgeschlagen, ausgewählt wurde jedoch "Lügenpresse".[2][11]

Verwendungsbeispiele

Die Tageszeitung Die Welt befand im März 2014 nach der Sezession der Halbinsel Krim (und deren nachfolgender Beitritt zur Russischen Föderation) "Die Riege der deutschen Putin-Versteher in der Ukraine-Krise reicht von ganz links bis weit nach rechts." Sie zählte dazu den SPD-Politiker Gernot Erler, den ehemaligen Vizepräsidenten der EU-Kommission Günter Verheugen[wp] (SPD), den CSU-Politiker Peter Gauweiler[wp] und den damaligen stellvertretenden CDU-Vorsitzenden Armin Laschet.[12]

Das Magazin Focus verwies eine Woche vor dem russischen Eintritt in den ukrainischen Bürgerkrieg am 24. Februar 2022 auf die Hufeisentheorie[wp]:

Zitat: «In der Debatte um Russland und die Ukraine sind sich Rechts- und Linksaußen auffallend einig. Die Putin-Versteher billigen Russland einen »Vorhof« zu und bestreiten die Wirkungsmacht des Völkerrechts. Dagegen steht die komplette Mitte von Union über FDP und SPD bis hin zu den Grünen. Man sieht: die Hufeisentheorie lebt.»[13]

Der Historiker Gerd Koenen[wp] befand Ende April 2022 im Spiegel:

Zitat: «Die Garde der Putin-Versteher war ja noch bis in jüngste Zeit eine ziemlich breite Querkoalition: christ- und sozial­demokratische Ministerpräsidenten, Ost-Ausschuss der Deutschen Wirtschaft, Entspannungs­nostalgiker und Realpolitiker, radikale Linke und extreme Rechte.»[14]

Der langjährige Osteuropa-Korrespondent Thomas Urban[wp] stellte fest:

Zitat: «Putins autoritärer und antiwestlicher Kurs, sein machohafter Stil, seine Homophobie und Fremdenfeindlichkeit machen ihn zum Vorbild für rechtsextreme Gruppierungen in den EU-Ländern. [...] Dass er mit diesem Konzept in Deutschland so viel Zuspruch in der Partei Die Linke und bei manchen Altsozialdemokraten gefunden hat, gehört zu den kuriosen Fußnoten unserer Zeit.»

Der Spiegel nannte die Alternative für Deutschland einen "Hort der Putin-Versteher", in dem man sich seit "dem russischen Überfall auf die Ukraine" im Februar 2022 allerdings "in der Russlandfrage uneins" sei.[15] Die Zeit zählte zu den prominentesten Putin-Verstehern die frühere Fraktionsvorsitzende Alice Weidel, den Vorsitzenden Tino Chrupalla sowie dessen Vorgänger Alexander Gauland.[6]

Der Spiegel stellte die Frage: "Ist Die Linke eine Partei voller Putin-Versteher?"[16]

Der Bundestagsabgeordnete Andrej Hunko ist laut dem Spiegel ebenfalls ein Putin-Versteher.[17]

Der ehemalige Ministerpräsident des Saarlandes und Mitgründer der Linkspartei Oskar Lafontaine forderte wenige Tage vor dem russischen Überfall auf die Ukraine im Februar 2022 gegenüber der Deutschen Presse-Agentur:

Zitat: «Der Westen muss zum Putinversteher werden, sonst gibt es keinen Frieden.»[18][19]

Auch Sahra Wagenknecht ist laut Der Spiegel eine "Russland-Versteherin"[20] und laut Die Zeit eine "unerschütterliche Putin-Apologetin".[6] Bereits 2014 hatte ihr Der Spiegel ein "bemerkenswertes Verständnis" für die "völkerrechtswidrige russische Besatzung der Krim" vorgehalten.[16]

Sevim Dağdelen wurde von den Medien ebenfalls zu den führenden Putin-Verstehern in der Bundestagsfraktion der Linken gezählt.[21] Die Zeit stellte in diese Reihe auch die Parteivorsitzende Janine Wissler sowie die Abgeordneten Petra Pau und Dietmar Bartsch.[6]

Auch die SPD sah sich dem Vorwurf ausgesetzt, "Partei der Putin-Versteher" zu sein.[22] Das Magazin Focus befand im April 2022 über die "russlandfreundlichen Friedensromantiker bei der SPD":

Zitat: «Viele von ihnen bezogen sich auf die Ost-Annäherung von Kanzler Willy Brandt und Egon Bahr, sparten aber den harten außenpolitischen Kurs des Brandt-Nachfolgers Helmut Schmidt aus. Der hanseatische SPD-Hardliner war es, der den Nato-Doppelbeschluss[wp] zur Stationierung atomarer Pershing-2-Mittelreckenraketen [sic!] als Antwort auf das SS-20-Projekt der damaligen Sowjetunion gegen massiven Widerstand aus der eigenen Partei und der Bevölkerung durchsetzte. Am Ende gab ihm die Geschichte recht. Genau diese Linie der Nato, allen voran der USA, zwang den Warschauer Pakt[wp] in die Knie. Der eiserne Vorhang fiel und mit ihm das Sowjetreich.»[23]

Der Historiker Gerd Koenen[wp] schrieb im April 2022 im Spiegel:

Zitat: «Die deutsche Politik wollte diese Dinge [Anmerkung der Redaktion: Gemeint sind die Kriege in Tschetschenien, Georgien und im Donbass] in ihrer großen Mehrheit nicht sehen oder jedenfalls nicht klar benennen und verurteilen. Jenseits von AfD und Linken wollte die SPD das tatsächlich am wenigsten - weil sie hartnäckig daran glaubte, durch ihre altetablierten besonderen Beziehungen zu Russland eine ganz große europäische "Sicherheits­architektur" (so der magische Begriff) schaffen zu können, die von Wladiwostok bis Lissabon reichen werde, mit Deutschland als einer zentralen Garantie- und Brückenmacht.»[24]

Der Historiker Heinrich August Winkler[wp] schrieb dazu im Juni 2022 ebenfalls im Spiegel:

Zitat: «Von Gerhard Schröder hat sich die SPD nun in aller Form distanziert. Zudem kann sie mit Recht darauf verweisen, dass es "Putinversteher" auch bei den Christdemokraten und Christsozialen, in der deutschen Wirtschaft, unter renommierten Politikberatern und in den sogenannten gebildeten Kreisen gegeben hat und immer noch gibt. Und doch bleibt es erklärungsbedürftig, dass Fehleinschätzungen Putins und des Putinismus gerade in der SPD so krass zutage getreten sind.»

Auch Helmut Schmidt wurde von der Neuen Osnabrücker Zeitung wegen Äußerungen über die Sezession der Krim 2014 unter die Putinversteher eingereiht.[25][anm 1][anm 2] Der Altbundeskanzler hatte sich an der Kritik des Westens an der völkerrechts­widrigen Annexion gestört, Putins Vorgehen hingegen als "durchaus verständlich" bewertet.[26]

Gerhard Schröder bekam vom Spiegel das Etikett "Frontmann der Putin-Versteher".

Frank-Walter Steinmeier, der erst als Chef des Kanzleramtes unter Schröder, dann als langjähriger Bundesaußenminister die Russlandpolitik Berlins maßgeblich mitbestimmt hat, galt in den osteuropäischen EU-Staaten als "Russlandversteher".[27][28]

Sigmar Gabriel, ehemaliger Wirtschafts- und Außenminister, bekam vom Magazin Focus das Etikett "ehemaliger Putin-Versteher".[29] Auch Die Zeit zählte Gabriel zu den "Putin-Verstehern" und warf ihm vor, er habe 2014 den Verkauf der größten deutschen Gasspeicher von BASF[wp] an Gazprom[wp] für unbedenklich erklärt und überdies als Wirtschaftsminister "Geburtshilfe" für Nord Stream 2 geleistet.[6]

Martin Schulz, der frühere Präsident des Europäischen Parlaments und frühere SPD-Vorsitzende, wurde vom Magazin Focus zu den Putinverstehern gezählt. Er habe der "Hannover-Moskau-Connection" um Schröder angehört und sei häufig "auf Kuschelkurs zu Moskau" gegangen.[30]

Manuela Schwesig, Ministerpräsidentin von Mecklenburg-Vorpommern, wurde wegen ihres Engagements für Gazprom[wp] und Nord Stream[wp] gar "Marionette Moskaus" und "Handlangerin Putins" genannt.[31][32]

Rolf Mützenich, der Vorsitzende der Bundestagsfraktion, wurde ebenfalls von manchen Medien zu den "Putinverstehern" gezählt, was er nach eigenen Worten nicht nachvollziehen konnte.[33]

Matthias Platzeck[wp] (SPD), der 2013 als Ministerpräsident von Brandenburg zurücktrat und im Jahr darauf den Vorsitz des Deutsch-Russischen Forums[wp] übernahm, forderte im November 2014, die Sezession der Krim völkerrechtlich anzuerkennen.[34] Der Spiegel nannte ihn den "langjährigen Chef-Russlandversteher".[17]

Klaus von Dohnanyi[wp], Hamburgs ehemaliger Bürgermeister, wurde als "Putin-Versteher" gebrandmarkt, weil er sich gegen eine Dämonisierung Putins wandte.[35][17] Im Interview mit dem Politmagazin Cicero vom Mai 2025 sagte Dohnanyi: "Putin-Versteher? Empfinde ich nicht als Beschimpfung."[36]

Ralf Stegner, führender Kopf der "Parlamentarischen Linken" in der SPD, wurde ebenfalls als Putinversteher etikettiert.[37]

Als Außenseiter in der SPD galt hingegen Heiko Maas in seiner Zeit als Bundesaußenminister (2018-2021). Wegen seiner Kritik an der Politik Moskaus wurde er von führenden SPD-Politikern kritisiert, ihm wurde vorgeworfen, die Prinzipien der Ostpolitik[wp] Willy Brandts zu verraten.[38]

Michael Roth[wp], der Vorsitzende des Auswärtigen Ausschusses, forderte im April 2022 seine Partei auf, ihre Russland-Politik aufzuarbeiten. Die Süddeutsche Zeitung zitierte ihn mit den Worten:

Zitat: «Die Verständigung mit Russland, die viele eingefordert haben, ging jahrelang zulasten der anderen Staaten des östlichen Europas, denen man faktisch ihre Souveränität abgesprochen hat, um aus übergeordnetem Interesse Frieden und Verständigung mit Russland zu erreichen. [...] Wir müssen uns fragen, wieso wir so viele Putin-Versteher hatten. Die deutsche Bevölkerung war ja bis zum Schluss mehrheitlich der Auffassung, dass wir Nachsicht mit Putin üben müssen, um den Frieden um jeden Preis zu wahren.»

Auch Politiker von CDU/CSU wurden von deutschen Medien unter die "Putinversteher" eingereiht.[39]

Der spätere CDU-Vorsitzende Armin Laschet wurde von der Welt nach der Sezession der Krim 2014 zu den "Putinverstehern in Deutschland" gezählt.[40]

Auch die FDP geriet in den Verdacht, eine Partei der "Putinversteher" zu sein. Diese Einschätzung ergab sich für die taz 2017 aus einem Vorschlag Christian Lindners, die [[Krim]6 müsse als "dauerhaftes Provisorium" angesehen werden.[41]

Als führender "Putinversteher" in der FDP wurde auch Wolfgang Kubicki gefragt. Er forderte die Lockerungen der über Russland verhängten Sanktionen und gab der NATO die Mitschuld an der Eskalation des russisch-ukrainischen Kriegs.[42]

Deutsche Berichterstatter verwenden den Begriff für italienische Politiker und Parteien, denen eine besondere Affinität zu Putin nachgesagt wird. Im Italienischen werden dafür die Begriffe amigo di Putin oder putiniano geprägt. Dazu gehören viele einstige sowjetnostalgische Anhänger der untergegangenen Kommunistischen Partei Italiens[wp] ebenso wie der rechts und euroskeptisch[wp] orientierten Parteien, an erster Stelle die Lega[wp] mit ihrem hochrangigen Funktionär Matteo Salvini und Cinque Stelle[wp].[43]

Der Spiegel nannte auch den 2023 verstorbenen italienischen Oligarchen, Politiker und mehrmaligen Ministerpräsidenten Silvio Berlusconi[wp] einen Putin-Versteher. Berlusconi habe laut einer heimlich aufgenommenen Rede vor Kollegen der Forza Italia[wp] im Parlament Putin den "Ersten seiner fünf besten Freunde" genannt.[44]

Die prominenteste Führungspersönlichkeit des Feminismus in Deutschland und Publizistin Alice Schwarzer schrieb im März 2014 in einem Essay mit der Überschrift "Warum ich trotz allem Putin verstehe!" auf ihrer Website: 2Putin scheint heute das kleinere Übel - und in den Augen seiner Landsleute mutiert er gerade zum Helden. Der Westen wäre also gut beraten, weniger hoffärtig zu sein." Die Sezession der Krim setzte Alice Schwarzer mit der einseitig erklärten Loslösung des Kosovo von Serbien gleich. Zur Situation des Landes sagte sie: "Heute ist Russland umzingelt: an der Südflanke von überwiegend islamistisch beherrschten Staaten, an der Westflanke von Demokratien, die in dem satten Gefühl ihrer ökonomischen Macht in der Offensive sind."[45] Die Publizistin Gabriele Krone-Schmalz, die bereits zu den Unterzeichnern des Appells für eine andere Russlandpolitik[wp][46] gehörte, wurde gleich von mehreren Medien mit der Bezeichnung "Putin-Versteher" etikettiert.[47][48]

Das russische Staatsmedium RT Deutsch lud den Kabarettisten Uwe Steimle zu einem "Gespräch unter Putinverstehern" ein.[49]

Nach den Enthüllungen um den Putin-Biographen Hubert Seipel[wp], der hohe Geldsummen aus Russland erhalten hatte, schrieb Markus Wehner[wp] 2023 in der F.A.Z., dass deutsche Talkshows Putinversteher und Kreml-Apologeten jahrelang hofiert hätten.[50]

Anmerkungen

  1. "Putin-Versteher?" Helmut Schmidt, Russland und die Ukraine titelte die Neue Osnabrücker Zeitung am 13. März 2022. In seinem Text setzt sich der Autor Uwe Westdörf kritisch mit einem Interview Helmut Schmidts mit der "Bild"-Zeitung im Mai 2014 auseinander. Schmidt hatte damals gesagt: "Die Politik des Westens basiert auf einem großen Irrtum: dass es ein Volk der Ukrainer gäbe, eine nationale Identität." Der Vorstandsvorsitzende und Geschäftsführer der Bundeskanzler-Helmut-Schmidt-Stiftung, Dr. Meik Woyke, gab dazu gegenüber der NOZ folgende Stellungnahme ab:
    "Helmut Schmidt hat die Annexion der Krim durch Russland [Anmerkung der Redaktion: De facto handelte es sich um eine Sezession mit anschließendem Beitritt zur Russischen Föderation] im März 2014 gerechtfertigt. Zugleich forderte er multilaterale Verhandlungen nach dem Vorbild der Konferenz für Sicherheit und Zusammenarbeit in Helsinki 1975. Er setzte auf Dialog, auch weil er als Bundeskanzler und in den Jahren zuvor den Machtanspruch und das Gewaltpotenzial der Sowjetunion im Kalten Krieg erfahren hatte und einzuschätzen wusste.
    Wie Schmidt den heutigen Angriffskrieg Russlands auf die Ukraine beurteilt hätte, können wir ihn nicht mehr fragen. Es gibt keine historischen Gründe, die Souveränität eines Staats grundsätzlich zu bestreiten und den Bruch des Völkerrechts zu legitimieren. Ebenso steht fest, dass Schmidt bis ins hohe Alter die politische Debatte suchte und bereit war, seine Position zu überdenken und gegebenenfalls auch zu revidieren. [...]"
  2. Anmerkungen der WikiMANNia-Redaktion:
    1. Zum Vorwurf "Bruch des Völkerrechts":
      Zunächst einmal ist festzustellen, dass die Ukraine seit dem von der CIA in enger Kooperation mit einem Teil der dortigen Oligarchen geplanten, vorbereiteten und angeleiteten sowie von eigens zu diesem Zweck einschlägig ausgebildeten und paramilitärisch organisierten Rechtsextremisten ausgeführten Euromaidan-Putsch kein souveräner Staat, sondern ein Vasallenstaat der USA ist. In Anbetracht dessen ist es falsch, einen Bruch des Völkerrechts damit zu begründen, ein souveräner Staat wäre angegriffen worden.
      Die Ukraine hat auch seit 2014 ihre eigene territoriale Integrität untergraben, weil der ukrainische Zentralstaat seit der Unabhängigkeit 1991 die politische und administrative Autonomie der Autonomen Republik Krim[wp] nie ernstlich respektierte, 1995 sogar durch einen gewaltsamen Eingriff eindeutig verletzte und letztlich mit dem öffentlich verlautbarten Vorhaben einer rücksichtlosen und nötigenfalls unter Anwendung von Zwangsmaßnahmen durchzuführenden, sprachlichen und kulturellen Ukrainisierungspolitik[wp] des von den USA im Modus einer verdeckten Regimewechseloperation installierten Klientelregimes die Abtrennung der Krim von der Ukraine auslöste. Auch die spezifischen Interessen, Bedürfnisse und Anliegen der russophonen und multiethnisch zusammengesetzten Donbass-Bevölkerung wurden missachtet und ab 2014 der Versuch unternommen, selbige unter Einsatz militärischer Gewalt zu vertreiben. Insofern greift auch der Vorwurf, Russland habe die territoriale Integrität der Ukraine verletzt, nicht für die Begründung eines völkerrechtswidrigen Verhaltens der Russischen Föderation.
    2. Zu Schmidts Satz "Die Politik des Westens basiert auf einem großen Irrtum: dass es ein Volk der Ukrainer gäbe, eine nationale Identität"
      Schmidt hatte, wenn man den Satz präzisierend versteht als "Das Staatsvolk des 1991 entstandenen Staates Ukraine ist kein Volk mit einer gemeinsamen Identität" insofern recht, als sich die weit überwiegend ethnisch russische Bevölkerung der Krim mit dem Staat Ukraine wenig bis gar nicht identifizierte und es auch zwischen den Einwohnern der sich wirtschafts­strukturell - industriell bzw. agrarisch - und siedlungs­räumlich - urban bzw. rural - stark voneinander unterscheidenden Regionen Westukraine[wp] und Donbass wenig bis keine mentalitäts­historischen und erinnerungs­kulturellen Gemeinsamkeiten gab, schon gar nicht so etwas wie eine gemeinsame nationale Identität oder auch nur Mutter- bzw. Alltags­sprache.

Einzelnachweise

  1. Andreas Umland[wp]: The Putinverstehers' Misconceived Charge of Russophobia: How Western Apology for the Kremlin's Current Behavior Contradicts Russian National Interests, CSS, ETH Zürich, 2016
  2. 2,0 2,1 "Lügenpresse" ist Unwort des Jahres 2014, dw.com am 13. Januar 2015.
  3. Der Stalin-Versteher, Zeitschrift Osteuropa, 2014.
  4. Für immer Russlandversteher: Viele Deutsche nehmen Ukraine nicht ernst, Berliner Zeitung am 9. April 2022
  5. Die blutige Quittung, Süddeutsche Zeitung am 14. März 2022
  6. 6,0 6,1 6,2 6,3 6,4 Moskau lässt grüßen, Die Zeit am 18. März 2022
  7. Die «Putin-Versteher» und ihre Irrtümer, Neue Zürcher Zeitung am 11. Januar 2016
  8. «Putin-Versteher» sind nicht das Gleiche wie Russland-Versteher, Journal21 am 4. April 2022
  9. Der Machtwechsel in der Ukraine lässt zu viele Fragen offen, Die Zeit am 24. Februar 2015
  10. Die wahrhaften Putin-Versteher, Telepolis am 27. März 2014
  11. Gesellschaft: "Putin-Versteher" für Unwort des Jahres 2014 vorgeschlagen, Süddeutsche Zeitung am 8. November 2014
  12. Was die Putin-Versteher in Deutschland antreibt, Die Welt am 20. März 2014
  13. Wie sich zwei Putin-Versteher von Linke und AfD mit der Vorhof-Theorie für Russland einsetzen, Focus am 17. Februar 2022
  14. »Eine Verbindung aus illusorischen Größenfantasien und robustem Geschäftssinn«, Der Spiegel am 28. April 2022
  15. Wie der Krieg Deutschland verändert, Der Spiegel am 25. März 2022
  16. 16,0 16,1 Linkspartei in der Krim-Krise. Die Putin-Versteher, Der Spiegel am 17. März 2014
    Der Verfasser des Artikels gab auf seine Frage, "Ist Die Linke eine Partei voller Putin-Versteher?", selbst die Antwort:
    "Manches, was in diesen Tagen von der Linkspartei zu hören ist, ist mit den Schlagworten russischer Propaganda durchtränkt. [...] Russland verstehen, mit Russland reden. Das ist die Politik, die die Linke in der Krim-Krise anbietet. Es sind alte Muster, die sich auch aus den Prägungen der Parteiströmungen - hier die DDR-Staatsräson, dort westdeutscher Antikapitalismus - ergeben. Die Linkspartei sieht es seit jeher als ihre Aufgabe an, russische Interessen zu berücksichtigen. Die NATO soll überwunden werden durch eine Struktur, die Russland einbindet."
  17. 17,0 17,1 17,2 Hört auf mit dem Kapitulationsgerede!, Der Spiegel am 22. März 2022 (Ein Zwischenruf von Christian Neef)
    Anreißer: Nicht einmal Russlands brutaler Angriffskrieg bringt deutsche Putin-Versteher zur Räson: Sie glauben immer noch, man hätte mehr reden sollen - und fordern die Ukraine auf, sich zu ergeben. Das ist absurd.
  18. Der Westen muss "Putin-Versteher" werden, Der Stern am 14. Februar 2022
  19. Lafontaine: Der Westen muss "Putin-Versteher" werden, Süddeutsche Zeitung am 14. Februar 2022
  20. »Einige empfinden es schon als sexuelles Mobbing, wenn ein männlicher Kollege eine Frau kritisiert«, Der Spiegel am 6. Mai 2022
  21. Grüne und Linke streiten über Ukraine, Süddeutsche Zeitung am 20. Februar 2014
  22. Die SPD und der Krieg: Warum der Kanzler seine Russland-Politik nicht verschärft, Handelsblatt am 20. April 2022
  23. Die Putin-Versteher der SPD: Alle wollten das Unheil trotz Signale nicht kommen sehen, Focus am 9. April 2022
  24. »Eine Verbindung aus illusorischen Größenfantasien und robustem Geschäftssinn«, Der Spiegel am 28. April 2022
  25. "Putin-Versteher?" Stiftung äußert sich zu Schmidt-Interview nach der Krim-Annexion[archiviert am 18. April 2026], Neue Osnabrücker Zeitung (NOZ) am 13. März 2022
    Anreißer: Vorstandsvorsitzender Dr. Meik Woyke in der Neuen Osnabrücker Zeitung
  26. Siehe auch: Helmut Schmidt hat Verständnis für Putins Krim-Politik, Die Zeit am 26. März 2014
  27. Steinmeier büßt für die deutsche Russlandpolitik, F.A.Z. am 12. April 2022
  28. Die SPD und der Kreml. Die Russlandversteher, br.de am 27. Juni 2016.
  29. Sieb im Kopf: Woran sich Putin-Freund Sigmar Gabriel auf einmal nicht mehr erinnern kann, Focus am 30. April 2022
  30. Die Putin-Versteher der SPD: Alle wollten das Unheil trotz Signale nicht kommen sehen, Focus am 9. April 2022
  31. Schwesig mauert, doch Blick in ihre Biografie offenbart den Grund für die Putin-Nähe, Focus am 21. April 2022
  32. Die seltsame Moskau-Begeisterung der Manuela Schwesig, Der Spiegel am 5. April 2022
  33. Interview mit SPD-Fraktionschef Mützenich: "Ich bin ganz sicher kein Putin-Versteher", Augsburger Allgemeine am 4. Oktober 2023
  34. Platzeck will Russlands Annexion der Krim legalisieren, Süddeutsche Zeitung am 18. November 2014
  35. Matthias Iken: Klaus von Dohnanyi: "Ich sehe bei Putin keine Radikalisierung", Hamburger Abendblatt am 14. Januar 2022
  36. Clemens Traub im Interview mit Klaus von Dohnanyi: "Putin-Versteher? Empfinde ich nicht als Beschimpfung", Cicero[wp] am 18. Mai 2025
  37. SPD: Die ehemaligen Putin-Versteher wollen nichts mehr davon wissen, The European am 17. März 2022
  38. Die Moskau-Connection, F.A.Z. am 13. März 2023
  39. Auch die Union hat ein Russlandproblem, Der Spiegel am 17. Juni 2022
  40. Krim-Krise: Was die Putin-Versteher in Deutschland antreibt, Die Welt am 20. März 2014
  41. Barbara Oertel: Lindner gibt den Putin-Versteher, taz am 7. August 2017
  42. Liebesgrüße nach Moskau, t-online.de am 19. April 2022
  43. Italiens Russlandfreunde werden vom Kreml instrumentalisiert, F.A.Z. am 28. Juli 2022
  44. Italien: Wladimir Putin soll Silvio Berlusconi 20 Flaschen Wodka zum Geburtstag geschickt haben, Der Spiegel am 19. Oktober 2022
  45. Alice Schwarzer: Warum ich trotz allem Putin verstehe!, aliceschwarzer.de am 18. März 2014
  46. Wieder Krieg in Europa? Nicht in unserem Namen! (Roman Herzog, Antje Vollmer, Wim Wenders, Gerhard Schröder und viele weitere fordern in einem Appell zum Dialog mit Russland auf.), Zeit Online dokumentiert den Aufruf, 5. Dezember 2014
  47. Wer ist die Frau, die bei Lanz Kopfschütteln auslöste?, t-online.de am 25. Februar 2022
  48. Gabriele Krone-Schmalz: Sie ist die Putin-Versteherin, Augsburger Allgemeine am 15. Februar 2016
  49. Heinrich Löbbers: Fourschbar, Sächsische Zeitung am 28. November 2016
  50. Markus Wehner: Fall Hubert Seipel: Wie deutsche Talk-Shows die Putin-Versteher hofierten, F.A.Z. am 16. November 2023

Querverweise

Netzverweise


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