Information icon.png Migrationspakt stoppen! in Berlin, Termin: 1. Dezember 2018, Ort: Brandenburger Tor, Uhrzeit: 14:00 Uhr - Info[ext]
10 Jahre feminismus­freie Information!
Number-10.png

Noch 65 Tage bis zum 10. Jubiläum.
Stell Dir eine Welt vor, in der jeder freie Mann feminismusfreies Wissen mit anderen teilen kann.
Dies ist unser Auftrag. — Leitbild WikiMANNia.
Spendenaktion 2018 Der Kampf für ein freies und nicht ideologisches Leben ist nicht kostenfrei.
!!! Sie können das unterstützen !!!
Damit WikiMANNia auch nach dem 10. Jubiläum feminismusfreie Information bereitstellen kann, benötigen wir Ihre finanzielle Hilfe. Donate Button.gif
Aktueller Spendeneingang: Durch Spenden ist der Betrieb bereits gesichert bis 22. Januar 2019 (also noch für 66 Tage)
3,7 % 372 € Spendenziel: 10.000 €

Infantilismus

Aus WikiMANNia
Wechseln zu: Navigation, Suche

Hauptseite » Gesellschaft » Infantilismus


Der Begriff Infantilismus bezeichnet den Zustand des Zurückbleibens auf der Stufe eines Kindes und kann sich sowohl auf die körperliche als auch auf die geistige Entwicklung beziehen. Der Begriff stammt vom lateinischen Wort infantilis (dt. kindlich) ab und hat in den einzelnen Fachgebieten genauer abgegrenzte Bedeutungen.[1] Die Herbeiführung eines Infantilismus wird als Infantilisierung bezeichnet.

Pflege/Medizin

Infantilismus - oder Infantilisierung in diesem Fall - zeigt sich oft in der Medizin und in der Langzeitpflege. Ausgelöst wird dies durch eine gewisse Hilfs­bedürftigkeit bei Patienten, die sich nicht mehr um sich selber kümmern können und auch in intimen Situationen auf die Hilfe des Pflege­personals angewiesen sind. Viele Pflege­patienten haben große Schwierigkeiten damit und reagieren darauf mit Frustration, Aggressivität oder sogar Depressionen.

Psychologie

Infantilismus zeigt sich in der psychologischen[wp] Definition meist in Form von hemmungslosen, undisziplinierten, emotionalen Verhaltensweisen[wp] wie beispielsweise Trotz, Egozentrismus und Imponier­verhalten, oder allgemeiner im Fehlen einer alters­entsprechenden Selbst­reflexion und dementsprechend meist in einer sozialen und/oder emotionalen Unreife. Aber auch eine erlernte Hilflosigkeit[wp] ist eine Form von Infantilismus. Infantilismus kann zum Beispiel bei kognitiver Behinderung[wp] vorkommen, aber auch als Abwehr­verhalten[wp] gegenüber Mitmenschen und Frustrationen.

Sexualität

Als Infantilismus bezeichnet man auch die Neigung einer Person, sich selbst in sexuellen Fantasien als Kind vorzustellen. Ein Ausleben dieser Neigung ist denkbar in Form von Rollenspielen, in denen die betreffende Person wie ein Kind behandelt wird. Die Partner sind oft älter, weil das die gesuchte Rollen­identität unterstreicht.

Ursache für diese Neigung dürfte ein früh (vor dem üblichen Alter der Pubertät[wp]) erwachter Sexualtrieb sein (vgl. Infantile Sexualität[wp], Frühreife[wp]), denn viele Menschen haben lebenslang Fantasien mit Bezug auf die intensiv empfundene Phase des ersten sexuellen Interesses.

Infantilismus darf nicht mit Pädophilie verwechselt werden. Der Pädophile ist ein Erwachsener, der sich zu Kindern hingezogen fühlt; die zum Infantilismus neigende Person ist (in der eigenen Wahrnehmung bzw. im Selbstbild) selbst das Kind.

Kultur-, Sozial- und Politikwissenschaften

In der Kulturwissenschaft[wp] verwendet Johan Huizinga[wp] den Begriff Puerilismus für von ihm als infantil eingeordnetes Verhalten Erwachsener in der Moderne[wp]. Hierzu zählt er das Bedürfnis nach banaler Zerstreuung, die Sucht nach Sensationen, die Lust an Massen­schau­stellungen, Unterstellung von bösen Absichten oder Motiven bei anderen und Unduldsamkeit gegen jede andere Meinung, maßloses Übertreiben von Lob und Tadel.[2] Nach Norbert Elias[wp], der etwa gleichzeitig wie Sigmund Freud[wp] zu seiner Theorie gelangt, wonach der Zivilisations­prozess als Prozess wachsender Impuls­kontrolle zu verstehen ist[3], vergrößert sich die Differenz zwischen dem Verhalten von Erwachsenen und Kindern im Laufe dieses Prozesses. Immer wieder sind jedoch zivilisatorische Rückfälle, massen­psychologische Regressions- und Ent­sublimierungs­prozesse möglich, die er als infantil bezeichnet.

Infantilisierung als regressive Entgrenzung

Der Medienwissenschaftler Neil Postman[wp][4] begriff infantiles Verhalten als Gegensatz zu dem von "normalen" Erwachsenen, denen er insbesondere folgende Merkmale zuschrieb: "Fähigkeit zur Selbstbeherrschung und zum Aufschub unmittelbarer Bedürfnis­befriedigung, ein differenziertes Vermögen, begrifflich und logisch zu denken, ein besonderes Interesse sowohl für die historische Kontinuität als auch für die Zukunft, die Wertschätzung von Vernunft und gesellschaftlicher Gliederung". Auf dieses Begriffs­verständnis beziehen sich weitere Wissenschaftler, etwa der US-amerikanische Politologe Benjamin R. Barber[wp][5], der deutsche Schul­pädagoge und Schrift­steller Horst Hensel[wp][6] und der österreichische Literatur­wissenschaftler Thomas Rothschild[wp].[7] Als Vorläufer dieser Perspektive kann Herbert Marcuse[wp][8] gelten, der den von Wilhelm Reich[wp] geprägten sexual­psychologischen Begriff der repressiven Entsublimierung[wp] auf die moderne westliche Kultur übertrug. Diese sei durch eine repressive Toleranz[wp] ihrer herrschenden Institutionen geprägt, lasse aber immer mehr Grenz­über­schreitungen zu und mache Privates in skandalöser Form öffentlich.

Als Merkmale der Infantilisierungs­tendenz von Erwachsenen werden u. a. genannt: "Mitteilungs­drang gegenüber Fremden, Indiskretion; ein gewisser Zeigestolz; der Hang, seinen Spiel- und Zer­streuungs­bedürfnissen zu fast jeder Zeit und ohne Rücksicht auf die Umgebung nachzugehen" sowie die "fortlaufende Preisgabe des Privaten, Persönlichen".[9]

Einfluss von Medien und Werbung

Während Postman angesichts der Verbreitung des steigenden Fernsehkonsums in den frühen 1980er Jahren argumentierte, dass durch das Medium Fernsehen Kinder und Erwachsene eine viel größere Schnittmenge aus Informationen und Erlebnissen besäßen und Kindheit nichts Spezifisches mehr sei, sondern verschwinde, reißt heute die Werbe- und Unterhaltungs­industrie die alters­spezifischen Schranken gänzlich ein und sieht als wichtigste Werbe­relevante Zielgruppe" die Menschen zwischen 14 und 49. Durch diese Ausdehnung des Jugend­gefühls ("One age") wird die Infantilisierung strukturell im Markt verankert: Kinder- und Jugend­bücher und -filme oder Comics werden heute vielfach von Erwachsenen konsumiert. Über 19 Prozent der in der Sinus-Milieu­studie[wp] als "Moderne Performer" und damit als gesellschaftliches "Leitmilieu" definierten Zielgruppe, also die gebildeten "Selbst­verwirklicher", kaufen Kinder- und Jugend­bücher für sich selbst (im Bundes­durchschnitt sind es immerhin über 16 Prozent aller Menschen.)[10] Die Schottin Johanna Basford hat 1,4 Millionen Exemplare ihres Malbuchs für Erwachsene Mein verzauberter Garten verkauft.[11] 30 Millionen Deutsche spielen am Computer, davon fast 13,5 Millionen täglich. Sieben Millionen Gamer sind über 50 Jahre alt.[12] Auch Designer entwerfen immer mehr All-age-Produkte, die die Baby-Boomer[wp] an ihre Kindheit erinnern. Der Slogan der Popkultur Die Young, Stay Pretty[13] lässt das Altern als kognitiven Verfall (senility) und Fluch erscheinen.

Weitere Effekte der Allgegenwart der populären Medien seien die Verdrängung der sozialen Ungleichheit und der infantile Traum vom sozialen Aufstieg als Medienstar oder Topmodel.[14]

Einflüsse der Pädagogik und des Wohlfahrtsstaates

Matthias Heitmann[wp] sieht in der scheinbaren "Aufwertung der Belange und Potenziale junger Menschen" auch eine "Entwertung des erwachsenen 'mündigen' Menschen". Die Zielsetzung, junge Menschen dazu zu erziehen, Verantwortung zu übernehmen, werde nicht mehr wirklich ernstgenommen. Einerseits klage man über die Orientierungs­losigkeit der Kinder, spreche aber den Erwachsenen das Recht ab, in Erziehungs­fragen entscheiden zu können. Heitmann spricht in diesem Zusammenhang von "Erwachsenen­kulissen" wie Kinder­parlamenten oder dem Informatik­unterricht in der Grundschule, dessen Lern­resultate im Erwachsenen­leben kaum umzusetzen seien.[15]

Ein anderer Aspekt der Infantilisierung sei die feste kulturelle Verankerung der erlernten Hilflosigkeit in den Strukturen des Wohlfahrtsstaates der letzten Jahrzehnte. Der "Nanny-Staat"[16] - so die Kritik von konservativer Seite - verwandele den Menschen in ein realitäts­fernes, fremd­bestimmtes Kindheitswesen, das in der Traumwelt einer großen "Villa Kunterbunt" lebe. Pascal Bruckner[wp] beschreibt[17] den Zusammenhang von Infantilismus und Selbst­viktimisierung[wp] moderner Gesellschaften: Das Individuum sei bis zum Äußersten auf seine Unabhängigkeit bedacht, beanspruche aber zugleich Fürsorge und Hilfe und schaue neid- und angstvoll auf andere; es verbinde die Doppelgestalt des Dissidenten und des Kleinkindes miteinander.

Einzelnachweise

  1. Gerhard Wahrig (Hrsg.): Fremdwörterlexikon. Bertelsmann, Gütersloh/Berlin/München/Wien 1974.
  2. Johan Huizinga: Homo Ludens - Vom Ursprung der Kultur im Spiel, Hamburg, 20. Auflage 2006, S. 221 f.
  3. Norbert Elias: Über den Prozeß der Zivilisation. Frankfurt 1976.
  4. Neil Postman: Wir amüsieren uns zu Tode: Urteilsbildung im Zeitalter der Unterhaltungsindustrie. Frankfurt/M. 1988.
  5. Benjamin R. Barber: Consumed! Wie der Markt Kinder verführt, Erwachsene infantilisiert und die Demokratie untergräbt. Verlag C.H. Beck, 2007, ISBN 3-406-57159-X, S. 87
  6. Horst Hensel: Die neuen Kinder und die Erosion der alten Schule. München 1995 (5. Auflage), S. 33 f.
  7. Thomas Rothschild: Relax and Enjoy. Die totale Infantilisierung. Wien 1995, S. 10.
  8. In Kritik der reinen Toleranz. Frankfurt/M. 1966.
  9. Edo Reents[wp]: Aus Leuten werden Kinder, FAZ am 3. November 2012
  10. Arbeitsgemeinschaft von Jugendbuchverlagen: Grundlagenstudie Kinder- und Jugendbücher o. J. (www.www.avj-online.de/grundlagenstudie_jugendbuecher_kinder-_und_jugendbuecher, nicht mehr im Netz)
  11. Felicitas Kock: Kritzeln gegen den Stress, Süddeutsche Zeitung am 19. April 2015
  12. Susanne Gaschke: Deutschland wird zur Republik der Infantilen, Die Welt am 9. August 2015
  13. Die Young, Stay Pretty - Songtext
  14. Anna Stach (Hrsg.): Von Ausreißern, Topmodels und Superstars: Soziale Ungleichheit und der Traum vom sozialen Aufstieg als Spielthemen in populären Fernseh­formaten., Books on Demand, 2013
  15. Matthias Heitmann: Zeitgeisterjagd. Jena 2015, S. 115.
  16. Christian Günter, Werner Reichel (Hrsg.): Der Nanny-Staat und seine Kinder. Berlin 2016.
  17. In seinem Buch Ich leide, also bin ich. Die Krankheit der Moderne. Berlin 1996.

Querverweise


Dieser Artikel basiert auf dem Artikel Infantilismus (3. April 2018) aus der freien Enzyklopädie Wikipedia. Der Wikipedia-Artikel steht unter der Namensnennung - Nicht-kommerziell - Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 Unported (CC BY-NC-SA 3.0). In der Wikipedia ist eine Liste der Autoren verfügbar, die vor Übernahme in WikiMANNia am Text mitgearbeitet haben.