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Overton-Fenster

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Hauptseite » Politik » Propaganda » Overton-Fenster


Eine Illustration des Overton-Fensters, zusammen mit den von Joshua Treviño[wp] postulierten Akzeptanz­graden.

In der politischen Theorie beschreibt das Overton-Fenster den Bereich der Ideen, der von der Öffentlichkeit akzeptiert wird. Gemäß dieser Theorie hängt die politische Machbarkeit einer Idee in erster Linie davon ab, ob sie in diesem Fenster liegt und weniger von den individuellen Präferenzen der Politiker.[1]

Es ist nach seinem Urheber, Joseph P. Overton[wp] (1960-2003)[2], benannt, einem ehemaligen Vize­präsidenten der Denkfabrik Mackinac Center for Public Policy[wp].[3] Zu jedem Zeitpunkt enthält das "Fenster" eine ganze Reihe von Stand­punkten, die im aktuellen Klima der öffentlichen Meinung als politisch akzeptabel gilt, die ein Politiker einnehmen kann, ohne dabei als zu extrem zu gelten, um ein öffentliches Amt zu gewinnen oder zu halten. Es ist deshalb auch als "Diskurs-Fenster" bekannt.

Überblick

Overton beschrieb ein politisches Spektrum von "mehr frei" bis "weniger frei", im Hinblick auf staatliche Eingriffe, senkrecht auf einer Achse ausgerichtet. Je nachdem wie sich das Spektrum bewegt oder ausdehnt, kann eine Idee an einem bestimmten Ort entweder mehr oder auch weniger politisch akzeptabel werden. Die Stufen der Akzeptanz[4] öffentlicher Ideen sind etwa:

Der amerikanische Soziologe Joseph P. Overton[wp] (1960-2003) beschrieb eine Technik zur Manipulation der Einstellung zu den Dingen in der Gesellschaft, die früher als absolut inakzeptabel galten. Laut der so genannten Overton-Fenster-Theorie gibt es für jede Idee oder für ein Problem in der Gesellschaft ein so genanntes Fenster der Möglichkeiten/ der Gelegenheit. Innerhalb dieses Fensters hat man die Option, über eine Idee zu diskutieren, sie öffentlich zu unterstützen, zu fördern und zu versuchen, sie schließlich als Gesetz zu statuieren. Es bestehen eine Reihe von Möglichkeiten, die von "undenkbar", d. h. der öffentlichen Moral völlig entgegen­gesetzt bis hin zu aktuell, d. h. breit diskutiert und angenommen im Bewusstsein der Massen und letztlich gesetzlich verankert.

Wir reden hier nicht über Gehirnwäsche, sondern von einer sehr feinen Manipulations­technik. Sie wird wirksam durch die konsequente, systematische Anwendung und begünstigt durch ihre Subtilität und fehlende Wahrnehmung in der Gesellschaft, die das Opfer der Beeinflussung ist.

Wir zeigen an einem Beispiel, wie eine Gesellschaft Schritt-für-Schritt beginnt, zuerst über etwas Verwerfliches zu diskutieren, dann dieses als angemessen zu betrachten, um es schließlich zu akzeptieren. Letztlich wird es in einem Gesetz formuliert, das das einst Undenkbare schützt.

Nehmen wir als Beispiel etwas völlig Unvorstellbares, z. B. Kannibalismus[wp]. Für uns etwas unerhört Abstoßendes. Stellen wir uns vor, es sollte ein legitimes Recht auf Kannibalismus, also auf den Verzehr von Menschen geben. Für uns eine unglaubliche Vorstellung.

Aber es ist völlig klar, dass es gegenwärtig (2014) keine Möglichkeit gibt, eine Propaganda für Kannibalismus durchzuführen - die Gesellschaft würde empört reagieren. Diese Situation bedeutet, dass sich das Thema der Legalisierung des Kannibalismus momentan in der Null-Phase des Fensters der Möglichkeit befindet. Diese Phase wird nach der OVERTON-Theorie als "Undenkbar" bezeichnet. Konstruieren wir nun, wie dieses Undenkbare realisiert wird, indem es durch alle Phasen des Fensters der Gelegenheit oder Möglichkeit geht.

Technik

Es muss betont werden, dass OVERTON eine Technik beschrieb, die es ermöglicht, eine Idee zu legalisieren. Er hat damit nicht etwa ein Konzept angeboten, nicht seine Gedanken formuliert; er beschrieb vielmehr eine funktionierende Technik. Das bedeutet, er erkannte eine Reihenfolge der Aktionen, deren Ausführung unweigerlich zum gewünschten Ergebnis führt. Wenn man diese Erkenntnis bewusst als Waffe für die Zerstörung der menschlichen Gemeinschaften nutzte, kann diese Technik letztlich effektiver als eine Atombombe sein.

Wie mutig!

Kannibalismus[wp] gilt in unserer Gesellschaft als ekelhaft und absolut nicht akzeptabel. Spekulationen über dieses Thema sind unerwünscht, sowohl in der Presse als auch in einer anständigen Gesellschaft. Bisher ist es ein undenkbares, absurdes, verbotenes Phänomen, ein Verbrechen.

Wenn man Kannibalismus salonfähig machen will, muss man also innerhalb des OVERTON-Fensters eine Bewegung von undenkbar zu radikal vornehmen. Wie könnte man das angehen? Nun, wir haben doch Meinungsfreiheit. Warum sollten wir nicht einmal über Kannibalismus reden? Es ist das Recht der Wissenschaftler über alles reden und diskutieren zu dürfen. Das ist die Freiheit der Wissenschaft - für die Wissenschaftler gibt es keine Tabus. Wissenschaftler erforschen. Man könnte ein wissen­schaftliches Symposium durchführen mit dem Thema Exotische Rituale der Ureinwohner Polynesiens. Ein solches Symposium ist - unter wissenschaftlichen Prämissen - freizuhalten von Vorurteilen. Man neutralisiert das Forschungsgebiet und erhält somit wissenschaftlich exakte Aussagen über den Kannibalismus.

Über Kannibalismus kann man also durchaus sachlich reden und dabei innerhalb der wissenschaftlichen Seriosität bleiben.

Es ist also bereits Bewegung im OVERTON-Fenster erfolgt. Das ist erkennbar, durch die Nach­prüfbar­keit der Positionen und Denk­ergebnisse. Damit ist der Übergang von einer un­versöhnlich-negativen Haltung der Gesellschaft zu einer mehr toleranten Haltung gewährleistet.

Gleichzeitig mit der wissenschaftlichen Diskussion sollte dann unbedingt Begrifflichkeit wie "Gesellschaft der radikalen Kannibalen" eingeführt werden. Vielleicht erst nur im Internet - mit dem Erfolg: die radikalen Kannibalen werden bemerkt und allmählich in den Massenmedien erwähnt.

Zunächst ist nur eine allgemeine Aussage im Sinne von: so etwas gibt es. Aber - und das ist das Erschreckende -, diese schockierenden Monster so einer speziellen Art werden gleichsam als Vogel­scheuchen benötigt. Man kann auf diese Weise einen Vergleich statuieren z. B. zwischen den schrecklichen Kannibalen im Gegensatz anderen Vogel­scheuchen, den Nazis, die zur Vernichtung anderer aufrufen.

Aber über Vogelscheuchen später. Hingewiesen sei auf die Aussagen britischer Forscher bzgl. radikaler Monster und der Thematik Kannibalismus.

Das Ergebnis der ersten Bewegung des Overton Fensters: das un­angemessene Thema wurde eingeführt, ein Tabu thematisiert. Es kam zugleich zu einer Zerstörung der Eindeutigkeit des Problems; "Grauzonen" entstanden.

Warum nicht?

Im nächsten Schritt bewegt sich das Fenster weiter und bringt das Thema Kannibalismus aus dem radikalen Bereich in den Bereich des Möglichen.

In dieser Phase vertreten wir weiterhin die "Wissenschaftler": Man darf dem Wissensdrang keine Grenzen setzen. Man kann, ja man muss auch über den Kannibalismus reden. Wer sich weigert, dies zu diskutieren, muss als prüde und Heuchler gebrandmarkt werden.

Bei der Verurteilung der Prüderie, müssen wir dem Kannibalismus unbedingt einen anderen, wissenschaftlichen Namen geben. Dadurch verhindern wir, dass manche Faschisten auf die Idee kommen, dieses K-Wort auf die Andersdenkenden anzuwenden.

Achtung! Erstellung eines Euphemismus ist ein sehr wichtiger Punkt. Für die Legalisierung einer undenkbaren Verhaltens­beschreibung muss ihr ursprünglicher Name geändert werden. Auf unser Beispiel angewandt: wir reden nicht mehr von Kannibalismus, sondern von Anthropophagie. Wobei dies nur ein Übergangsbegriff ist, da ja diese Bezeichnung auch diskreditierend ist.

Zielsetzung bei der Erfindung eines neuen Begriffes ist es, die Sache selbst von seinem Ursprung und negativ besetzten Inhalt zu befreien.

Kannibalismus verwandelt sich in Anthropophagie und danach wird zur Anthropophilie. Das ist ungefähr so, als würde für einen Verbrecher Name und Identität gefälscht.

Parallel zu dem Spiel mit den Begriffen wird ein tragender Präzedenzfall erschaffen - aus einem historischen, mythologischen und aktuellen oder einfach nur erfundenen, aber Hauptsache legitimen Hintergrund. Dieser Fall wird gefunden oder erfunden als "Beweis" dafür, dass Anthropophilie im Prinzip legitim werden kann. Erinnert sei

  • "an die Legende über die sich aufopfernde Mutter, die mit ihrem Blut ihre vor Durst sterbenden Kinder gerettet hat."
  • "an die Geschichte der antiken Götter, die überhaupt einander gegessen haben, alle nacheinander. In der Mythologie der Griechen und Römer war das Normalität!"
  • "an Rituale bei Christen. Das ist doch ein klarer Fall von Antropophilie! Sie trinken immer noch rituell das Blut und essen das Fleisch von Gott im Abendmahl. Wollen sie etwa die christliche Kirche beschuldigen? Ja, wer sind Sie dann, verdammt, noch mal?"

Die Hauptaufgabe dieses Schrittes ist es, zumindest teilweise, das Essen von Menschen in einem bestimmten historischen Kontext außer straf­rechtlicher Verfolgung zu bringen.

Und so weiter

Nachdem ein legitimierender Präzedenzfall gestattet wurde, erhalten Sie die Möglichkeit, das Overton-Fenster aus dem Gebiet des Möglichen in den Bereich der Rationalen zu bewegen.

Das ist der dritte Schritt. Hier wird das Zerkleinern des ganzen Problems vollzogen.

  • "Der Wunsch, Menschen zu essen ist genetisch bedingt, es liegt in der Natur des Menschen"
  • "Manchmal ist man gezwungen, Menschen zu essen, es gibt es Notsituationen"
  • "Es gibt Leute, die wollen gegessen werden"
  • "Anthropophilen wurden provoziert"
  • "Die verbotene Frucht lockt immer"
  • "Der freie Mensch hat das Recht zu entscheiden, was er isst"
  • "Jeder hat das Recht, sich zu outen und zu erkennen zu geben, verstecken Sie die Informationen nicht und lassen Sie jeden sich identifizieren, ob er ein Anthro­pophile oder ein Anthro­pophobe ist"
  • "Gibt es durch Anthropophilie Schaden? Seine Unvermeidlichkeit ist nicht bewiesen".

Im öffentlichen Bewusstsein wird ein "Schlachtfeld" um das Problem künstlich erschaffen. An den äußeren Flanken werden die Vogelscheuchen aufgestellt: da sind zum einen die auf diese Weise entstanden radikalen Anhänger und zum anderen die radikalen Gegner des Kannibalismus.

Die echten Gegner aber sind die normalen Menschen, die nicht gleichgültig zu dem Problem der Enttabuisierung des Kannibalismus bleiben. Sie werden zusammen mit der jeweiligen Vogel­scheuche am anderen Rand zusammen­gepackt und als radikale Gegner definiert. Ablehner der Anthropophilie werden zu faschistischen Hassfiguren, die alle Kannibalen, Juden, Kommunisten und Neger verbrennen wollen. Die Presse tut das ihre, um diese Meinung zu verbreiten.

Bei dieser Sichtweise bleiben die so genannte Antropophilen angeblich gleichsam in der Mitte zwischen den Vogelscheuchen von rechts und links, auf dem "Boden der Vernunft", von dem aus sie mit dem ganzen Pathos der "Vernunft und Menschlichkeit", Nazis aller Arten verurteilen.

"Wissenschaftler" und Journalisten in dieser Phase beweisen, dass die Menschheit im Laufe ihrer Geschichte von Zeit zu Zeit einander aufgegessen hat, und das ist normal.

Das Thema der Antropophilie kann man nunmehr aus dem Bereich des Rationalen in die Kategorie des Populären bringen. Das Overton-Fenster bewegt sich weiter.

Im guten Sinne

Für die Förderung des Themas Kannibalismus muss es vom pop-content unterstützt werden; ausgewogen angereichert mit historischen und mythologischen Personen und, wenn möglich, mit bekannten Persönlichkeiten der Gegenwart.

Anthropophilie dringt massiv in die Nachrichten und Talkshows ein. Menschenessen sieht man im Kino und es wird in Songtexten und Musikvideos zum Alltag.

Einer der Tricks der Popularisierung heißt: "Schauen Sie sich um!"

  • "Wussten Sie nicht, dass ein bekannter Komponist ähm...ein Anthropophile ist?"
  • "Und ein bekannter polnischer Schriftsteller war sein Leben lang ein Antropophile und wurde sogar dafür verfolgt."
  • "Wie viele von denen in der Psychiatrie weggesperrt wurden! Wie viele Millionen wurden ausgewiesen und haben ihre Staats­angehörig­keit verloren!.. Übrigens, wie finden Sie den neuen Clip von Lady Gaga[wp] "Eat me, baby"?

In dieser Phase wird das entwickelnde Thema zu einem TOP-Thema und beginnt, sich selbst in den Medien, im Show­business und in der Politik zu entfalten.

Eine weitere effiziente Technik: die Thematik in Talk-Shows, mit Journalisten und Aktivisten der Anthropophilie zu diskutieren und möglichst Experten von dem Diskurs auszuschließen.

Dann, in dem Moment, wenn alles schon zu langweilig geworden ist und die Diskussion über das Problem in einer Sackgasse angekommen ist, kommt sinnigerweise ein extra dazu vorbereiteter Profi und sagt: "Meine Herren, in der Tat ist es nicht so, sondern so, und das ist es. Und man soll es so-und-so machen" - und gibt inzwischen eine sehr bestimmte Richtung an, die von der Bewegung des "Fensters" vorgelegt wurde.

Für die Rechtfertigung der Befürworter der Legalisierung verwendet man eine Humanisierung der Verbrecher durch das Erstellen eines positiven Images mit den Eigenschaften, die mit dem Verbrechen nichts zu tun haben.

  • "Es sind doch kreative Menschen. Er hat nur seine Frau gegessen, was nun?"
  • "Sie lieben ihre Opfer aufrichtig. Isst, heißt liebt!"
  • "Anthropophile haben einen erhöhten IQ und im Übrigen, halten sie eine strenge Moral ein"
  • "Anthropophile sind selber die Opfer, das Leben hat sie gezwungen"
  • "Sie wurden so erzogen", etc.

So ein Schnickschnack ist das Salz der beliebten Talkshows.

"Wir erzählen Ihnen eine tragische Geschichte der Liebe! Er wollte sie essen! Und sie wollte gerne von ihm gegessen werden! Wer sind wir, um Sie zu verurteilen? Vielleicht ist es Liebe? Wer sind Sie, um der Liebe im Wege zu stehen?!"

Wir sind die Macht

Zu der fünften Phase der Bewegung des Overton-Fensters kommt man erst, wenn das Thema so aufgeheizt ist, dass sie leicht aus der Kategorie "populär" in die Sphäre der aktuellen Politik rutscht.

Die Vorbereitung der rechtlichen Rahmenbedingungen fängt an. Lobby-Gruppierungen konsolidieren sich und kommen aus dem Schatten. Es werden soziologische Umfragen veröffentlicht, die angeblich den hohen Anteil der Befürworter der Legalisierung von Kannibalismus bestätigen. Politiker lassen in ihren öffentlichen Äußerungen Versuchs­ballons zur gesetzlichen Anerkennung dieses Themas starten.

In das öffentliche Bewusstsein wird ein neues Dogma eingeführt - "das Verbot des Verzehrs von Menschen ist verboten".

Dies ist ein Aushängeschild des Liberalismus - Toleranz als Verbot von Tabus, das Verbot von Korrektur und Warnung vor den verheerenden Abweichungen für die Gesellschaft.

In der letzten Phase der Fensterbewegung, dem Wechsel von der Kategorie "populäre" zu "aktuelle Politik" ist die Gesellschaft bereits gebrochen. Ihre aktivsten Mitglieder werden noch versuchen, der gesetzlichen Fixierung einer Akzeptanz von Dingen, die zuvor unvorstellbar waren, zu widerstehen. Aber im Ganzen ist die Gesellschaft gebrochen. Sie hat schon ihre Niederlage akzeptiert.

Gesetze sind verfasst, geändert (zerstört) ist die Norm bisherigen Zusammenlebens.

Nunmehr wird dieses Thema unvermeidlich die Kindergärten und Schulen erfassen. Die nachfolgende Generation wird geprägt und bekommt keine Chance zum Überleben.

Wie bricht man diese Technik

Das im OVERTON-Fenster beschriebene Verhaltens­muster geht am einfachsten in einer so genannten toleranten Gesellschaft auf. In einer Gesellschaft, die keine Ideale hat und auch keine klare Trennung zwischen dem Guten und dem Bösen.

Sie wollen darüber sprechen, dass Ihre Mutter eine Schlampe ist? Möchten Sie darüber einen Vortrag halten oder einen Artikel in einer Zeitschrift veröffentlichen? Vielleicht einen Song darüber schreiben und singen? Und weiterhin versuchen Sie zu beweisen, dass es normal oder sogar notwendig ist, eine Schlampe zu sein, nur weil man selbst in einer besoffenen Karnevals­nacht gezeugt wurde.

Das ist genau die oben beschriebene Technik. Sie stützt sich auf die Freizügigkeit. Es gibt keine Tabus. Nichts ist heilig. Es gibt keine sittlichen Begriffe, selbst das Diskutieren darüber ist unangemessen und verpönt. Ethik, Moral gibt es nicht. Und was gibt es?

Es gibt die so genannte Meinungsfreiheit, umgewandelt in die Freiheit der Entmenschlichung. Vor unseren Augen werden die Grenzen eine nach der anderen aufgehoben, die die Gesellschaft bislang vom Abgrund der Selbstzerstörung aufgehalten haben. Jetzt ist der Weg dorthin geöffnet.

Du denkst, Du alleine kannst nichts ändern?

Du hast vollkommen recht, allein kann man nichts!

Aber Du persönlich bist verpflichtet, ein Mensch zu bleiben. Und ein Mensch ist in der Lage, eine Lösung für alle Probleme zu finden. Und was er alleine nicht schafft, werden die Menschen, vereint durch eine gemeinsame Idee, schaffen. Schau Dich um!
- Lena von Orel: Das Overton-Fenster, PI-News am 7. Februar 2014
[Eine] in den 1990er Jahren erarbeitete Methodik [ist] ein Social-Engineering-Modell namens Overton-Fenster. Es wurde von Joseph P. Overton[wp] (1960-2003) entwickelt, dem ehemaligen Vize­präsidenten des amerikanischen Analyse-Zentrums Mackinac Center for Public Policy[wp].

Overton schuf es, um zu zeigen, wie eine kleine Experten­gruppe (think tank) in relativ kurzer Zeit die öffentliche Meinung qualitativ verändern kann. In der Theorie ist das "Overton-Fenster" die Gesamtheit von "annehmbaren" Ideen in einer bestimmten Gesellschaft zu einem bestimmten Zeitpunkt.

Die Abstufung oder die "Stufen" der Ansichten einer Gesellschaft zu einem bestimmten Thema sehen nach Overton ungefähr so aus:

  1. unannehmbar, undenkbar, verboten; Thema noch unter Verbot.
  2. radikales Stadium;
  3. radikales Verhältnis;
  4. gesellschaftlich annehmbar;
  5. Legalisierung, Verankerung in der Staatspolitik.

Denkfabriken (think tanks) sind Organisationen, die jenseits des Overton-Fensters Meinungen produzieren und verbreiten, mit der Absicht, die Gesellschaft aufgeschlossener zu machen für diese Art von Ideen und Politik.

Wenn diese Gruppe eine Idee durchsetzen will, die in der öffentlichen Meinung als völlig unannehmbar gilt, bedient sie sich etappenweise einer Reihe von Prozeduren. Im Endeffekt ändern die Menschen in ziemlich kurzer Zeit vollends ihre Meinung.

Overton-Fenster: Absolut un­annehmbar - Handlung der Spin-Doktoren - Völlig annehmbar

Auf diese Weise wurden Ideen, die im öffentlichen Diskurs zunächst als völlig unannehmbar, radikal und undenkbar für die Umsetzung galten, durch die Bearbeitung in den Massenmedien mit ihrer Durchsetzung im öffentlichen Bewusstsein annehmbar. Und später - in der letzten Phase - werden sie in der Gesetzgebung verankert.

Wird dieses Modell in der Politik angewendet, kann man konstatieren, dass in einer Gesellschaft eine Gesamt­summe an politischen Fragen existiert, um die nicht gestritten wird, soll heißen: unter allen möglichen politischen Entscheidungen gibt es solche, die von der Mehrheit der Bevölkerung ohne besonderes Hinterfragen akzeptiert werden. Genau das ist das Overton-Fenster.

Wie wir bereits sagten, ist die Lage des Fensters nicht unverrückbar, es kann manipuliert werden, um neue Themen einzuführen oder Themen zu entfernen, die bereits annehmbar geworden sind. Politiker, die größere Chancen bekommen wollen, gewählt zu werden, dürfen nur die politischen Ansichten äußern, die in das Overton-Fenster passen.

Um zu verstehen, wie die öffentliche Meinung allmählich verändert werden kann, ist es am anschaulichsten, sich das Beispiel der gleich­geschlechtlichen Ehe anzusehen. Im Laufe vieler Jahre befand sich das Overton-Fenster für die Idee der Homoehe in der verbotenen Zone, die Gesellschaft konnte die Idee der Ehe zwischen Personen eines Geschlechts nicht akzeptieren. Aber die Massen­medien wirkten mit Argumenten zur Unterstützung der sexuellen Minderheiten ununterbrochen auf das Bewusstsein der Öffentlichkeit ein. Zunächst wurde die gleich­geschlechtliche Ehe als Verbot aufgenommen, aber mit Vorbehalt, später als annehmbar, dann als neutral. Heute wird sie als "annehmbar mit Vorbehalt" wahrgenommen. Bald wird sie wohl völlig annehmbar sein.

Also ist es offensichtlich, dass das Overton-Fenster mit Hilfe der "Denk­fabrikanten" jedes Mal in Richtung des Annehmbaren verschoben wird. Diese Arbeit wird von einer Vielzahl Spezialisten für die Manipulierung der öffentlichen Meinung geleistet: von Polit­technologen, Gelehrten, Publizisten, PR-Experten, Prominenten, Lehrern, Journalisten, ganzen wissenschaftlichen Forschungs­instituten, usw.

Sehr interessant ist die Tatsache, dass solche Themen wie gleich­geschlechtliche Ehe oder Euthanasie[wp] uns nicht mehr seltsam vorkommen. Wie sich herausstellt, haben sie lediglich den gesamten "technologischen" Umgestaltungs­prozess von "unannehmbar" zu "gesetzlich verankert" durchlaufen.

Der bekannte russische Regisseur Nikita Michalkow[wp] bietet uns in seinem Videoblog Besogon.TV an[6], diesen Prozess am Beispiel einer Erscheinung zu verstehen, die bis heute undenkbar ist in der Gesellschaft. Gemeint ist Kannibalismus. Seinen Worten zufolge könnte die Verschiebung des Overton-Fensters hinsichtlich des Kannibalismus folgende Stufen oder Schritte durchlaufen:

Stadium 0 - der jetzige Zustand, das Problem ist unannehmbar, wird in der Presse überhaupt nicht diskutiert und ist zwischen Menschen unzulässig.

Stadium 1 - Das Thema ändert sich von "unannehmbar" zu einfach "radikal". Es wird behauptet, dass es hier Meinungsfreiheit und keinerlei Tabus geben sollte. Das Thema beginnt in kleinen Konferenzen langsam Gegenstand der Diskussion zu werden; dort geben geachtete Gelehrte in Form von "wissenschaftlichen" Debatten Erklärungen ab. Zusammen mit an die Wissenschaft angelehnten Diskussionen taucht unbedingt ein gewisser "Verein radikaler Kannibalen" auf, seine Deklaration wird hier und da in den Medien zitiert. Hier ist der Gegenstand schon kein Tabu mehr und findet Eingang in den Informations­raum. Michalkow fährt fort: "Das Ergebnis der ersten Bewegung des Overton-Fensters: das unannehmbare Thema ist in Umlauf gebracht worden, das Tabu ist entsakralisiert, die Eindeutigkeit des Problems ist zerstört, es wurden unterschiedliche "Abstufungen von Grau" geschaffen."

Stadium 2 - Das Thema Kannibalismus wechselt vom "Radikalismus" in die Sphäre des "Möglichen". Es werden weiterhin Gelehrte zitiert und elegante Bezeichnungen geschaffen: es gibt keinen Kannibalismus mehr, sondern zum Beispiel "Anthropophilie". Später kann man aus diesem "Begriff" andere Ableitungen machen, wie etwa "Anthropophile". Das Ziel ist, im öffentlichen Bewusstsein die Form des Wortes von seinem Inhalt abzuschalten. Zugleich wird zur Festigung ein historischer Präzedenzfall geschaffen. Das kann ein mystischer, realer oder einfach ausgedachter Fakt sein, Hauptsache, er trägt zur Legitimierung der unannehmbaren Idee bei. Das Hauptziel dieser Etappe ist, der "Anthropophilie" zum Teil ihre Gesetz­widrigkeit zu nehmen, und sei es auch nur in einem einzigen historischen Moment.

Stadium 3 - Das Overton-Fenster verschiebt sich, indem es das Thema vom "Möglichen" zum "Rationalen" oder "Neutralen" bringt; es wird mit "biologischer Notwendigkeit" argumentiert. Es wird behauptet, dass der Wunsch, Menschenfleisch zu essen, eine genetische Veranlagung, die "menschliche Natur" sein kann. Im Falle einer ernsthaften Hungersnot, von "un­über­windbaren Umständen", muss der freie Mensch das Recht haben zu wählen. Es sollte keine Information verborgen werden, damit jeder zwischen "Anthropophilie" oder "Anthropophobie" wählen könne.

Stadium 4 - Zu der Frage wird künstlich eine Polemik geschaffen. Ihre Popularität fußt auf historischen oder mythischen, aber auch auf lebenden Media-Figuren. Die Anthropophilie wird verstärkt in Nachrichten, Talk Shows, Kino, Pop-Musik und Videoclips thematisiert. Eine Art der Popularisierung ist das Verfahren "Sieh dich um!" Haben Sie etwa nicht gewusst, dass ein bekannter Komponist Anthropophiler ist?

Stadium 5 - In dieser Etappe klettert das Thema in die aktuellen Top-Nachrichten, wird zum Hit: es wird automatisch in der Presse und im Show Business heruntergebetet und... gewinnt politische Bedeutung. In dieser Etappe wird - um die Anhänger einer Legalisierung zu rechtfertigen - die "Humanisierung" der Adepten der Menschen­fresserei genutzt (diese "kreativen Menschen" und "Anthropophile" sind Opfer ihrer fehlerhaften Erziehung, und "wer sind wir, um sie zu verurteilen?").

Stadium 6 - In dieser Etappe wird die Menschen­fresserei aus einem "populären Thema" zum Objekt der "laufenden Politik". Es wird damit begonnen, eine Gesetzesbasis zu schaffen, es tauchen Lobby-Gruppen auf und es werden soziologische Untersuchungen veröffentlicht, die die Anhänger der Legalisierung des Kannibalismus unterstützen. Ein neues Dogma wird eingeführt: "Anthropophilie darf nicht verboten werden!" Eine Gesetzes­novelle wird angenommen, der Gegenstand kommt in die Schulen und Kindergärten, und die neue Generation weiß natürlich nicht mehr, wie man anders denken könnte.

Wie oben erwähnt, ist dieses Beispiel von Regisseur Nikita Michalkow noch hypothetisch.

Dessen ungeachtet war eine Reihe von modernen Ideen vor Jahrzehnten noch völlig undenkbar. Aber nachdem sie hartnäckig in die Gesellschaft getragen worden waren, sind sie völlig annehmbar geworden - vor dem Gesetz und in aller Augen. Ist das vielleicht gerade auf die von uns beschriebene Weise geschehen?
- Overton: Wie man eine unannehmbare Idee akzeptiert, Stimme Russland am 30. September 2014

Einzelnachweise

  1. Joseph Lehman: A Brief Explanation of the Overton Window, Mackinac Center for Public Policy[wp]
  2. NNDB "intelligence aggregator" Web site, "Joseph P. Overton"
  3. Joseph Overton biography and article index, Mackinac
  4. Why the Right-Wing Gets It--and Why Dems Don't, Daily Kos am 9. Mai 2006
  5. Wikipedia: Overton window
  6. Youtube-logo.png Glenn Beck Overton Window theory (22. Februar 2010) (Länge: 7:46 Min.)

Netzverweise

Dieser Artikel basiert auf dem Artikel Das Overton-Fenster von PI-News am 7. Februar 2014.
Dieser Artikel basiert zusätzlich auf dem Artikel Overton: Wie man eine unannehmbare Idee akzeptiert von Stimme Russland, 30. September 2014.